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  • „Wir nehmen unsere Verantwortung sehr ernst“

    Jörg Nierhaus, Chief Compliance Officer der STEAG, spricht über die Maßstäbe des Unternehmens beim Import von Kohle aus Kolumbien

    Zur Erzeugung von Strom und Wärme verbrennen Steinkohlekraftwerke – wie der Name es verrät – Steinkohle. Und der Abbau von Kohle wiederum bedeutet immer einen einschneidenden Eingriff in die Lebensbedingungen der betroffenen Menschen und die Umwelt. Wie andere Kohlekraftwerksbetreiber importiert auch STEAG einen Teil des Brennstoffs seit Jahren aus Kolumbien. In der Zusammenarbeit mit den südamerikanischen Minenbetreibern setzt das Essener Energieunternehmen hohe Maßstäbe. Wie wichtig STEAG die Verantwortung für die Förderbedingungen vor Ort ist, erklärt Jörg Nierhaus, Chief Compliance Officer des Unternehmens, im Interview.

    Herr Nierhaus, die Vorbehalte gegen den Import von Kohle aus Kolumbien sind groß: Umweltverbände, Nichtregierungsorganisationen (NGO) und teilweise auch Politiker werfen den Kohleeinkäufern Profitgier vor und dabei unwürdige Arbeitsbedingungen in den Minen und schwere Umweltbelastungen auszublenden. Konkret ist von Menschenrechtsverletzungen, Kinderarbeit und ,Blutkohle’ die Rede.

    Es mag Fälle geben, in denen diese Vorwürfe durchaus berechtigt sind. In Bezug auf STEAG stimmt das aber nicht. Wir legen seit jeher großen Wert darauf, nur bei solchen Anbietern einzukaufen, die bereit sind, unsere hohen Ansprüche an die Achtung von Menschenrechten, Arbeitsnormen und Umweltschutz beim Kohleabbau zu erfüllen.

    Kauft STEAG Kohle beispielweise bei dem US-Bergbaukonzern Drummond, dem die Förderung von ,Blutkohle’ vorgeworfen wird.

    Nein. Danach werde ich auch in Gesprächsrunden mit NGOs und Politikern gefragt, an denen ich regelmäßig teilnehme. STEAG hat keinerlei direkte Lieferbeziehungen zu Drummond.

    Aber auch STEAG kauft die Kohle für ihre Kraftwerke über Internet-Handelsplattformen. Wieviel Transparenz haben Sie in diesen Fällen?

    Auch auf diesem Weg verschaffen wir uns größtmögliche Transparenz. Wenn wir beispielsweise Kohle im freien Handel in Rotterdam einkaufen, tun wir im Rahmen unserer Möglichkeiten alles, um deren Herkunft im Rahmen des Vertragsabschlusses in Erfahrung zu bringen.

    Wollen Sie damit sagen, dass Sie den gesamten Weg der Kohle, die STEAG aus Kolumbien einkauft, bis zurück ins Bergwerk verfolgen können?

    Ja, das können wir guten Gewissens sagen. STEAG kauft keine ,Blutkohle’. Wir wissen sehr genau, unter welchen Bedingungen die Kohle, die wir nach Deutschland importieren, gefördert wird.

    Das führt unmittelbar zu der Frage – woher nehmen Sie diese Gewissheit?

    Weil STEAG schon seit geraumer Zeit regelmäßig vor Ort ist. Ich selbst war erst im April in der Region La Guajira, wo unser Partnerunternehmen Cerrejón einen der größten Steinkohletagebaue weltweit betreibt. Dort werden jährlich etwa 30 Millionen Tonnen Kohle gefördert.

    Und wie stellen Sie sicher, dass Sie dort vor Ort volle Transparenz gewinnen?

    Indem ich mich nicht allein mit Vertretern des Unternehmens unterhalte, sondern mich auch mit Vertreten der Gewerkschaften treffe – und zwar ohne, dass jemand vom Unternehmen dabei ist. Übrigens sind über 80 Prozent der Mitarbeiter in der Mine El Cerrejón gewerkschaftlich organisiert. Außerdem spreche ich mit Vertretern dortiger NGOs und besuche auch Gemeinden, die im Zuge des Kohleabbaus umgesiedelt wurden. Ich führe tagelang Gespräche, höre zu und sammele dabei Anregungen, die ich wiederum mit in die Gespräche mit den Unternehmensvertretern nehme. Ich darf also mit Fug und Recht sagen, dass ich mir ein umfassendes Bild mache.

    Haben Sie den Eindruck, dass die Vertreter von Cerrejón Ihre Hinweise und Anregungen ernst nehmen?

    Unbedingt. Wir müssen an dieser Stelle vielleicht auch einmal ein offenkundiges Missverständnis ausräumen: Cerrejón ist ein Minenbetreiber, der seine Corporate Social Responsibility, also die unternehmerische Gesellschaftsverantwortung bzw. Sozialverantwortung, sehr ernst nimmt. Das Management kommt regelmäßig nach Deutschland, um hier mit Abnehmern ins Gespräch zu kommen. Und diese Gespräche gehen durchaus in die Tiefe: Das Cerrejón-Management will verstehen, welche Aspekte europäischen Abnehmern wichtig sind.

    Worum geht es konkret in diesen Gesprächen?

    Da geht es um Arbeitsbedingungen, Sozialverantwortung und Umweltthemen. So verfolgt Cerrejón genau die europäische Presse, um auf die Berichterstattung reagieren zu können, teils um fehlerhafte oder unvollständige Darstellungen zu korrigieren, teils um darüber zu berichten, wie mit der geäußerten Kritik umgegangen wird. Ich kann versichern: Auch dort hat man die Zeichen der Zeit erkannt und verstanden, welche Maßstäbe uns in Deutschland und Europa wichtig sind. Außerdem nutzt STEAG seinen Einfluss im Land.

    Worauf gründet sich dieser Einfluss und wie macht er sich bemerkbar?

    STEAG ist ja in Kolumbien nicht allein als Kohleeinkäufer tätig. Wir betreiben dort bereits seit 1999 das Steinkohlekraftwerk in Paipa. Das liefert sichere Energie für Einwohner, Infrastruktur und Industrie – auch und gerade in den schwierigen Trockenzeiten. STEAG ist also auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In Kolumbien sind Jobs im Bergbau begehrt, weil sie vergleichsweise gut bezahlt sind. Schon deshalb haben wir einen gewissen Einfluss – und nutzen den auch. Wir unterstützen beispielsweise Bildungsprogramme für Schulen, um die Bildungsstandards zu steigern. Wir beteiligen uns an der Finanzierung von Sportanlagen für Kinder und Jugendliche, am Bau einer Kirche oder finanzieren ein Gesundheitsvorsorgeprogramm für die Menschen aus der Umgebung des Kraftwerks. Wir nehmen unsere soziale Verantwortung vor Ort sehr ernst. Das zeigt sich auch daran, dass die Verantwortung für die Kontrolle des Kohleeinkaufs bei STEAG in der Rechtsabteilung beim Chief Compliance Officer angesiedelt ist.

    Haben Sie den Eindruck, dass die Kritiker den besonderen Stellenwert, den STEAG der Verantwortung für ihren Kohleimport beimisst, anerkennen?

    Überwiegend ja. Es ist ein ständiger Diskurs. Umweltverbände und NGOs weisen darauf hin, dass Kohleabbau, vor allem in Tagebauen wie in der Mine El Cerrejón, einen schwerwiegenden Eingriff in die Lebensbedingungen der betroffenen Menschen und die Umwelt bedeuten. Und wir legen ihnen substanziell und glaubhaft dar, dass wir auf all diese Aspekte größtmögliche Rücksicht nehmen. Ich stelle mich diesen Diskussionen, die ich übrigens als überwiegend konstruktiv erlebe. In Dortmund beispielsweise gibt es einige Initiativen, die sich intensiv mit dem Kohleimport aus Kolumbien auseinandersetzen und mich in Gesprächen sehr offen mit ihren Auffassungen konfrontieren. Dem sachlich zu begegnen, gehört zu meiner Aufgabe. Aus diesen Diskussionen ergeben sich auch für mich immer wieder neue Denkanstöße, die ich auf meine nächste Reise nach Kolumbien mitnehme. Insofern ist dieser Dialog sehr wertvoll für STEAG.

    Bild: Alamy Stock Foto / Guy Bell

    Zur Person

    Jörg Nierhaus
    Eine Angelegenheit grundsätzlich betrachten, also im Wortsinne auf den Grund gehen, um beispielsweise mögliche Untiefen zu lokalisieren – das ist eines der wesentlichen Arbeitsprinzipien des studierten Juristen Jörg Nierhaus.

    Nach dem Abschluss des 2. Juristischen Staatsexamen an der Universität Trier bekleidete der gebürtige Berliner verschiedene Leitungspositionen bei Energieversorgungsunternehmen in Ost- und Westdeutschland, bevor er 2011 in die Rechtsabteilung des STEAG-Konzerns wechselte. 2014 stieg Jörg Nierhaus zum Chief Compliance Officer des Essener Energieunternehmens auf und verantwortet seitdem gesellschaftsrechtliche Fragestellungen, die Gestaltung und Einhaltung interner Entscheidungsprozesse und Verhaltensregeln, die Schulung und Weiterbildung von Mitarbeitern zu Rechts- und Compliance-Themen sowie die Einhaltung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten beim Kohleeinkauf. In dieser Funktion prüft der 47-Jährige nicht nur die Einhaltung von Arbeitsbedingungen im Kohleabbau vor Ort in Kolumbien, sondern ist auch regelmäßig Gesprächsteilnehmer von Diskussionsforen zum Thema Kohleeinkauf, auf denen er sich mit Umweltorganisationen und NGOs auseinandersetzt.