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  • Ringen um eine „Nationale Wasserstoffstrategie“

    STEAG-Projekt „HydroHub Fenne“ im Saarland verzögert sich aufgrund fehlender Gesetzesgrundlagen

    Im vergangenen Jahr beteiligte sich STEAG erfolgreich an dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ausgerufenen Ideenwettbewerb „Reallabor der Energiewende“. Unter 90 Einsendungen wählten Wirtschaftsminister Peter Altmaier und sein Team unter anderem die STEAG-Projektskizze „HydroHub Fenne“ als wichtigen Zukunftsbaustein für eine erfolgreiche Energiewende in Deutschland aus. Weil in der Großen Koalition in Berlin bislang an einer Einigung über eine „Nationale Wasserstoffstrategie“ fehlte, mangelt es dem Energieunternehmen weiterhin an den notwendigen Vorgaben zur Umsetzung dieses wichtigen Zukunftsprojekts im Saarland.

    Obwohl die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Krise seit Wochen im Mittelunkt der Arbeit des Bundeskabinetts stehen, schwelt die Auseinandersetzung über die Ausrichtung einer Wasserstoffstrategie für Deutschland weiter. Nach dem Willen der Bundesregierung sollen im Jahr 2030 mehr als zehn Prozent des in Deutschland verbrauchten Wasserstoffs aus mit Ökostrom betriebenen Produktionsanlagen kommen. Gemäß dieser Planung soll der Bedarf an Wasserstoff hierzulande bis dahin 90 bis 110 Milliarden Kilowattstunden (kWh) betragen. 14 Milliarden kWh sollen dabei aus heimisch produziertem grünen, also beispielsweise mit Windstrom erzeugtem Wasserstoff gedeckt werden. Die Bundesregierung kalkuliert dafür mit einem Energieaufwand von 20 Milliarden kWh.

    Konzept überfällig

    Ursprünglich wollte die Bundesregierung bereits im vergangenen Jahr ein entsprechendes Konzept verabschieden, doch Union und SPD lassen sich mit der Vorlage einer gemeinsamen Wasserstoffstrategie weiterhin Zeit. Zuletzt forderte die FDP die Bundesregierung auf, ihre Differenzen zu überbrücken und endlich eine „Nationale Wasserstoffstrategie“ vorzulegen. „Die Wasserstoffstrategie ist eine der zentralen Weichenstellungen auf dem Weg zur klimaneutralen Industrie“, sagt Lukas Köhler, klimapolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. „Durch eine ideologisch motivierte Festlegung auf einzelne Technologien droht Deutschland aufs falsche Gleis zu geraten und international den Anschluss zu verlieren.“

    Auch aus der Bundestagsfraktion der SPD, in der Großen Koalition immerhin Regierungspartner der CDU, ist Kritik laut geworden: „Wir brauchen endlich eine engagierte ‚Nationale Wasserstoffstrategie‘ des Bundeswirtschaftsministers“, erklärte Matthias Miersch, stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender. „Der Entwurf wird von Woche zu Woche im Kabinett geschoben, weil der Bundeswirtschaftsminister auf der Bremse steht.“ Inzwischen haben die Sozialdemokraten Fakten geschaffen und eigene Eckpunkte für eine „nachhaltige Wasserstoffstrategie“ beschlossen. Die SPD-Fraktion will damit „ambitionierte Maßstäbe für den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft" setzen.

    Bündnis 90/Die Grünen knüpfen ebenfalls hohe Erwartungen an Wasserstoff als Wegbereiter für eine klimafreundlichere Zukunft – allerdings ausschließlich an grünen Wasserstoff. „Investitionen in Wasserstoff dürfen keine Hintertür-Subvention für fossile Energieträger sein“, sagt Ingrid Nestle, Sprecherin für Energiewirtschaft der Grünen-Bundestagsfraktion. „Deshalb steht unsere Wasserstoffstrategie ganz klar für grünen Wasserstoff.“

    Streitpunkt Ausbaukapazität

    Maßgeblicher Streitpunkt in dieser Auseinandersetzung: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hält eine deutschlandweite Elektrolyseleistung von maximal fünf Gigawatt für umsetzbar und will dabei auch den sogenannten „blauen“, also aus Erdgas gewonnenen Wasserstoff einbeziehen. Die SPD, Bündnis 90/Die Grünen, aber auch Altmaiers Kabinetts- und Parteikollegin Anja Karliczek in ihrer Funktion als Bundesforschungsministerin sowie Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) setzen ausschließlich auf grünen Wasserstoff und eine Elektrolyseleistung von mindestens zehn GW.

    Diese Unstimmigkeiten und die daraus resultierenden Unsicherheiten haben auch massive Auswirkungen auf die Planung des „HydroHub Fenne“: „Im Prinzip haben wir unsere Anlagenplanung fertiggestellt und gehen zur Genehmigung der Anlage nun mit den zuständigen Behörden in den Dialog“, erklärt Philipp Brammen, der das Projekt HydroHub Fenne im Hause STEAG leitet. „Allerdings gibt es auf regulatorischer Ebene noch etliche offene Fragen, die uns Schwierigkeiten bereiten.“

    Wasserstoff - Energieträger der Zukunft
    In Deutschland sollen künftig Wind- und Sonnenenergie die tragenden Säulen der Stromversorgung bilden. Doch beide erneuerbaren Energiequellen unterliegen witterungsbedingten Schwankungen. Das bedeutet: Ohne dass es von Menschenhand steuerbar wäre, gibt es mal zu viel grünen Strom im Markt, mal zu wenig. Die Lösung: In Zeiten der Überproduktion wird überschüssiger Solar- und Windstrom genutzt, um Wasser im Elektrolyseverfahren in Sauerstoff und grünen Wasserstoff als innovative Energieträger aufzuspalten. Ermöglicht werden soll dies unter anderem im HydroHub Fenne, den STEAG gemeinsam mit der Siemens AG, dem Institut für ZukunftsEnergie- und Stoffstromsysteme und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz konzipiert hat. Kernelement des HydroHub ist ein Elektrolyseur mit einer Leistung von 20 Megawatt.

    So funktioniert der HydroHub
    In der Anlage wird Wasser durch Einspeisung von Strom mittels des sogenannten Elektrolyse-Verfahrens in seine Grundkomponenten Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Beide Bestandteile können anschließend vielfach energetisch genutzt werden: So werden Wasserstoff und Sauerstoff zum Beispiel in der nahegelegenen Stahlindustrie benötigt, wo sie direkt in den Herstellungsprozess einfließen können. Der Wasserstoff kann aber auch ins regionale Gasnetz eingespeist werden und zusätzlich öffentliche Wasserstoff-Tankstellen für Brennstoffzellenfahrzeuge versorgen. Die bei der Elektrolyse erzeugte Wärme kann schließlich in das Netz des Fernwärmeverbunds Saar ausgekoppelt werden. Und zu guter Letzt lässt sich mit Wasserstoff im Bedarfsfall auch wieder Strom erzeugen.

    „Allerdings gibt es auf regulatorischer Ebene noch etliche offene Fragen, die uns Schwierigkeiten bereiten.“

    So sind die STEAG-Ingenieure zum Beispiel in der seinerzeit beim Bundeswirtschaftsministerium eingereichten Projektskizze davon ausgegangen, dass beim Betrieb des HydroHub sämtliche Stromnebenkosten wie Netzentgelte, Netzumlagen und Steuern entfallen und so der reine Strommarktpreis als maßgebliche Kostenkomponente verbleibt. Mittlerweile allerdings hat das Ministerium klargestellt, dass es eine vollständige Befreiung von den Stromnebenkosten nicht geben wird. Bleibt es dabei, stellt das die ursprüngliche Kalkulation zur Projektfinanzierung infrage. Hinzu kommen weitere Unwägbarkeiten bei der letztlichen Ausgestaltung der Förderkulisse.

    Förderrichtlinien unklar

    Denn ähnlich verfahren stellt sich momentan auch die Situation der Förderrichtlinien dar: Für gewöhnlich werden Forschungsprojekte dieser Art durch Zuschüsse zu ihren Investitionskosten (CAPEX) gefördert; in der Regel über fünf Jahre. Das hat mitunter zur Folge, dass zum Beispiel Power-to-Gas-Anlagen nach Auslaufen der Investitionszuschüsse vielfach stillgelegt werden mussten, weil sich ihr Weiterbetrieb ohne eine Förderung nicht rechnete. Das will das Bundeswirtschaftsministerium im Fall der Reallabore wie dem HydroHub Fenne verhindern. Die Förderrichtlinien lassen nun auch eine sogenannte OPEX-Förderung zu, mit der die laufenden Betriebskosten des Elektrolyseurs beispielsweise bis zu 50 Prozent über einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren unterstützt werden können. Doch noch ist diese neue Förderrichtlinie gesetzlich nicht geregelt.

    Zu guter Letzt braucht der im HydroHub Fenne erzeugte Wasserstoff auch Transportwege und Abnehmer: Über bestehende Erdgasleitungen, die mit vertretbarem wirtschaftlichen Aufwand modifiziert werden könnten, um den hochflüchtigen Wasserstoff transportieren zu können, wäre das zwar grundsätzlich möglich. Allerdings existieren auch hierfür bislang keine gesetzlichen Richtlinien. „Den Gasnetzbetreibern geht es ähnlich wie uns: Es gibt keinen verlässlichen Rahmen, innerhalb dessen sie planen und investieren könnten“, resümiert Philipp Brammen und stellt gleichzeitig klar: „Der Transport per Lkw oder Bahn ist nur in sehr begrenztem Raum wirtschaftlich darstellbar.“

    Abnehmer gesucht

    Noch wichtiger für die schlussendliche Entscheidung zur Realisierung des HydroHub Fenne: Es braucht Abnehmer des Wasserstoffs, die bereit sind, diesen auch in so großen Mengen zu ordern, dass STEAG die Produktion mit Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg betreiben kann. „Potentielle Abnehmer wie beispielsweise die Saarstahl AG, die mit grünem Wasserstoff CO2-frei Stahl herstellen könnte, oder auch der Öffentliche Personennahverkehr im Saarland, müssten sich dann entsprechend committen“, so der STEAG-Projektleiter.

    Grüner Wasserstoff wird aus regenerativen Energieträgern wie beispielsweise Windrädern mittels Wasserelektrolyse hergestellt. Hierbei wird in einem Elektrolyseur mit Hilfe von Elektrizität Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Grüner Wasserstoff hat den Vorteil, in der Herstellung ohne CO2-Emissionen auszukommen und auch bei der weiteren energetischen Nutzung nahezu emissionsfrei zu sein.

    Grauer Wasserstoff ist Wasserstoff, der nicht CO2-neutral hergestellt wird, weil er zum Beispiel aus Erdgas gewonnen wird. Diese Form des Wasserstoffs fällt zum Beispiel bei Herstellungsprozessen in der chemischen Industrie als Nebenprodukt an.

    Blauer Wasserstoff ist grauer Wasserstoff, bei dem das während der Erzeugung anfallende CO2 abgeschieden und gespeichert wird. Bei diesem, Carbon Capture and Storage (CCS) genannten Verfahren wird das CO2 beispielsweise in unterirdischen Lagern gespeichert, sodass keine CO2-Emissionen in die Atmosphäre gelangen. Damit ist diese Form der Wasserstoffproduktion zumindest bilanziell CO2-neutral. Dieses Verfahren ist in Deutschland im Hinblick auf mögliche Sicherheitsmängel allerdings umstritten.

    Um die Bedeutung des Energieträgers Wasserstoff für den Wirtschaftsstandort Saar weiß auch die saarländische Landesregierung. Ministerpräsident Tobias Hans äußerte jüngst im Interview mit dem Magazin „Wirtschaftswoche“: „Das Saarland ist Stahlland, und schon vor Corona war es richtig, Stahl zu fördern, der ökologisch hergestellt wird, etwa durch Wasserstofftechnologie. Jetzt ist das überlebensnotwendig.“

    „Das Saarland ist Stahlland, und schon vor Corona war es richtig, Stahl zu fördern, der ökologisch hergestellt wird, etwa durch Wasserstofftechnologie.“

    Doch damit dies möglich wird, braucht es Planungssicherheit für das Modellprojekt in Völklingen. Schließlich soll es wichtige Erkenntnisse für den künftigen, erfolgreichen Hochlauf der Wasserstofftechnologie in großem Maßstab liefern.

    STEAG in Sorge um HydroHub

    Insofern sorgt sich Joachim Rumstadt, Vorsitzender der STEAG-Geschäftsführung, trotz dieses positiven Signals seitens der Landesregierung mit Blick auf die derzeit nicht eindeutige Gesetzeslage und die damit verbundenen Risiken weiterhin um die Realisierungschancen des HydroHub Fenne. „Die Diskussion der ,Nationalen Wasserstoffstrategie’ muss in der Großen Koalition dringend abschließend und ergebnisoffen geführt werden. Wir benötigen möglichst schnell eindeutige Rahmenrichtlinien. Es wäre schade, ein so wichtiges Projekt wie den HydroHub Völklingen-Fenne, bei dem ja im Sinne der vielzitierten Sektorenkopplung letztlich auch das Zusammenspiel von verschiedenen Komponenten und Anlagen erstmals im industriellen Maßstab erprobt werden soll, nicht bald umsetzen zu können. Schließlich ist das ein Vorzeige- und Zukunftsprojekt nicht nur für das Saarland, sondern für den Industriestandort Deutschland insgesamt. Deshalb setzen wir auch darauf, dass die Erwartungen der Landesregierung in Berlin Gehör finden.“

    Wasserstoff im Konjunkturpaket der Bundesregierung

    Tatsächlich hat es das Thema Wasserstoff auf die Maßnahmenliste des Konjunkturpakets geschafft, auf das sich die Große Koalition in Berlin zur Eindämmung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise Anfang Juni verständigt hat. Vorgesehen sind für das Thema Wasserstoff demnach sieben Milliarden Euro. Zugleich verpflichten sich CDU und SPD auf Eckpunkte für die dringend erwartete „Nationale Wasserstoffstrategie“. Enthalten soll sie etwa das Ausbauziel von fünf plus fünf Gigawatt (GW) Erzeugungskapazität bis 2035, spätestens aber 2040, die Verabschiedung der regulatorischen Rahmenbedingungen für Aufbau und Betrieb der künftigen Wasserstoffinfrastruktur und die „angestrebte“ Befreiung grünen Wasserstoffs von der EEG-Umlage. Es bleibt zu hoffen, dass diese Verabredungen zeitnah umgesetzt werden.

    Denn STEAG wartet nicht nur mit Blick auf das Saarland gespannt auf konkrete Maßnahmen der Politik. Auch andernorts sind weitere Projekte rund um das Thema Wasserstoff in Vorbereitung.

    STEAG setzt auch in Lauta auf Wasserstoff

    Etwa im sächsischen Lauta, Landkreis Bautzen, wo STEAG bereits eine Abfallverwertungsanlage betreibt. Dort könnte demnächst eine „Power-to-Methanol“-Anlage entstehen – wenn die gesetzlichen und regulatorischen Voraussetzungen stimmen. Methanol bzw. die Methanolsynthese gelten im Rahmen einer künftigen Wasserstoffwirtschaft als Möglichkeit, die Energie des hochflüchtigen Wasserstoffs in Form eines leichter händelbaren, flüssigen Energieträgers zu speichern. Zugleich ist Methanol ein wichtiger Grundstoff der chemischen Industrie.

    Doch all diese innovativen Lösungsansätze für eine erfolgreiche Ausgestaltung der Energiewende müssen wirtschaftlich scheitern, wenn Politik es versäumt, die notwendigen Weichenstellungen vorzunehmen.