Unsere Konstante heißt Veränderung

80 Jahre STEAG – das sind acht Jahrzehnte Konzerngeschichte, in denen sich das 1937 als Steinkohlen-Elektrizität AG gegründete Unternehmen zu einem national wie international gefragten Anbieter für vielfältige Energie-Dienstleistungen entwickelt hat. Die Geschichte zeigt: Immer wenn sich die Rahmenbedingungen änderten, hat sich auch STEAG gewandelt.

 

 

1930er- und 1940er-Jahre – aller Anfang
ist schwer

Als die Steinkohlen-Elektrizität AG – der Vorläufer der heutigen STEAG – am 20. September 1937 gegründet wurde, hatten sich die seinerzeit maßgeblich Verantwortlichen des deutschen Kohlebergbaus bereits über zwölf Jahre auseinandergesetzt. „Wir müssen etwas tun, damit der Braunkohlestrom möglichst verdrängt wird“, sagte Otto von Velsen, Generaldirektor der Bergwerksgesellschaft Hiberna AG und der Bergwerksgesellschaft AG Recklinghausen, 1925 auf einer Sitzung des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats. Strom aus Braunkohle war nach dem Ersten Weltkrieg im Tagebau günstiger zu fördern als Steinkohle, weshalb die Kohlezechen auf die Gründung eines Unternehmens drängten, um die von ihnen geförderte Steinkohle für die öffentliche Energieversorgung zu verwerten. Die Umsetzung erfolgte schließlich auf einem Umweg: Für die Versorgung zweier energieintensiver Werke zur Produktion von Aluminium und Buna (ein synthetischer Kautschuk) mussten zwei Großkraftwerke in Lünen und Marl errichtet werden – die ersten beiden Kunden von STEAG. Zusätzlich baute das junge Energieunternehmen bereits damals eine Art Vermarktungskompetenz auf: Die zahlreichen Zechen im Ruhrgebiet, die für ihre Förderanlagen eigenen Strom produzierten, stellten die nicht selbst benötigte Stromproduktion über STEAG für die öffentliche Elektrizitätsversorgung zur Verfügung.

1950er Jahre – zweite Geburtsstunde von STEAG

Im September 1950 sicherte sich STEAG durch einen Vertrag mit der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk AG (RWE) ein breiteres Betätigungsfeld. Ein Jahr später folgte eine ähnlich ausgerichtete Vereinbarung mit den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen (VEW). Für STEAG bedeuteten diese Verträge quasi eine zweite Geburtsstunde, setzten sie doch einen Schlussstrich unter die mehr als zwei Jahrzehnte laufende Auseinandersetzung über die Einbeziehung des Steinkohlebergbaus in die öffentliche Stromversorgung. Die Zechen konnten ihre Kraftwirtschaft erneuern, Überschussstrom sinnvoll verwerten und durch den Verbundbetrieb die Reservehaltung in ihren Kraftwerken gering halten. Doch Ende der 1950er-Jahre setzte die Bergwerkskrise im Ruhrgebiet ein – und überraschte auch STEAG. War doch der Bedarf an Kohle in den Jahren zuvor so groß gewesen, dass diese sogar aus den USA importiert werden musste. „Damals begann eine Krise, für die erst zehn Jahre später eine probate Lösung gefunden wurde“, sagt Dr. Hans-Christoph Seidel, der als Geschäftsführer der gleichnamigen Stiftung bereits seit Jahrzehnten die Geschichte des Ruhrgebiets erforscht (siehe dazu auch Interview mit dem Historiker auf Seite 20). „1968 verabschiedete die Bundesregierung zur Lösung der Strukturprobleme das Gesetz zur Gesundung des deutschen Steinkohlebergbaus. Am 27. November 1968, nach immerhin zehn Jahren Bergbaukrise, gründet die Mehrheit der Gesellschaften des Ruhrbergbaus die Ruhrkohle AG als Gesamtgesellschaft des Ruhrbergbaus.“

1960er- und 1970er-Jahre – STEAG ist fünftgrößter
Stromerzeuger Deutschlands

Die Ruhrkohle sollte den deutschen Steinkohlebergbau konsolidieren, ihm eine gesunde wirtschaftliche Basis schaffen und die Beschäftigung in den Zechen sichern. Im Sommer 1969 unterzeichnen die Bundesregierung, die Ruhrkohle und 19 (später 26) von 29 Bergwerksunternehmen an der Ruhr den Grundvertrag für die Neuordnung des Steinkohlebergbaus. STEAG, nun Tochtergesellschaft der Ruhrkohle, entwickelt sich zum zweitgrößten Steinkohleverstromer bzw. zum fünftgrößten Stromerzeuger in Deutschland. Mit dem ein Jahr später folgenden Abschluss des sogenannten Kraftwerksübertragungs- und Verbundvertrages zwischen Ruhrkohle und STEAG wurde das Unternehmen zum stromwirtschaftlichen ,Instrument’ der Ruhrkohle. Sämtliche Aktivitäten im Strombereich inklusive der Zechenkraftwerke wurden nun bei STEAG konzentriert. Neben der Kraftwirtschaft wuchs das Fernwärmegeschäft in den 1970er-Jahren stetig, und auch das Auslandsgeschäft entwickelte sich – zunächst durch die Ausbildung von Kraftwerkspersonal und die technische Unterstützung bei Betrieb und Unterhaltung von Kraftwerken, zum Beispiel in Saudi Arabien, Indonesien oder Südafrika.

1980er-Jahre – STEAG investiert in Umweltschutz

Die 1980er-Jahre waren für STEAG von zwei gegenläufigen Entwicklungen geprägt: Auf der einen Seite legte das Unternehmen kleinere Zechenkraftwerke still, weil diese nicht mehr benötigt wurden. Auf der anderen Seite investierte STEAG an den großen Kraftwerkstandorten in neueste Umweltschutztechnik und installierte zum Beispiel 1985 am Standort Voerde eine DeNOx-Versuchsanlage zur Senkung der Stickstoffoxide-Emissionen. Zur Realisierung dieser Investition für den Umweltschutz war 1984 eigens eine Kapitalerhöhung von 150 Millionen auf 200 Millionen DM durchgeführt worden. Außerdem eröffnete der 1980 zwischen Bergbau und Stromerzeugern geschlossene sogenannte Jahrhundertvertrag zur Verstromung von rund 630 Millionen Tonnen Steinkohle in den nächsten 15 Jahren neue Möglichkeiten. Im selben Jahr schlossen STEAG und die Deutsche Bundesbahn einen Stromliefervertrag, der zum Bau des Bahnstromturbosatzes im Kraftwerk Lünen führte. Die Folge von Jahrhundert- und Bahnstromvertrag war der Ausbau bestehender Standorte wie Walsum, Voerde und Lünen. Im Ausland weitete STEAG die Aktivitäten durch die Übernahme von Gutachten und Planungsarbeiten in Bangladesh, Indonesien, Kolumbien und der Türkei aus.

„Die Entwicklung von STEAG war schon in meiner Zeit als Vorstandsvorsitzender von großen Veränderungen geprägt, die es zu meistern galt, um STEAG auf Erfolgskurs zu halten: In den alten Bundesländern wurden absehbar keine neuen Großkraftwerke mehr benötigt und in den neuen Bundesländern waren unsere Möglichkeiten begrenzt – lediglich am Chemiestandort Leuna kamen wir zum Zuge. Also stellten wir unsere Kostenstrukturen auf den Prüfstand. Unsere Messlatte waren die Stromerzeugungs-Kostenstrukturen der besten Steinkohlekraftwerks-Betreiber im internationalen Wettbewerb. Die Analyse ergab eine Kostenlücke von 30 Prozent, die es zu schließen galt. Ich habe die Bedenken der Mitarbeiter und deren Sorgen um ihre Arbeitsplätze noch gut in Erinnerung, aber alle zogen mit – und es gelang. Außerdem fassten wir den Beschluss, neue Märkte zu erobern: Wir bauten Kraftwerke in Kolumbien, in der Türkei und auf den Philippinen und schufen so neue und vor allem nachhaltige Ertragsquellen. Die komplizierten Vertragswerke dafür machte übrigens der heutige STEAG-Chef Joachim Rumstadt ,wasserdicht’. Heute frage ich mich, was aus STEAG geworden wäre, wenn wir damals nicht den Mut für den Eintritt in den für uns unbekannten Auslandsmarkt aufgebracht hätten. Als sich 2004 die nächste Veränderung ankündigte – die RAG als Hauptaktionär hatte beschlossen, die Energieaktivitäten der RAG Saarberg in STEAG einzugliedern – nahm ich dies zum Anlass, mich in Abstimmung mit dem Aufsichtsrat in den Ruhestand zu verabschieden. Ich habe bei STEAG eine spannende Zeit erlebt, auf die ich auch heute noch dankbar zurückblicke“

Dr. Jochen Melchior
Vorstandsvorsitzender der STEAG AG 1995 bis 2004 

1990er- und 2000er-Jahre – nationales und internationales Wachstum

In den 1990er-Jahren emanzipierte sich STEAG endgültig von der jahrzehntelangen Rolle als Anbieter von Industriestrom und Fernwärme im Ruhrgebiet. Nach der Wiedervereinigung übernahm STEAG in Sachsen-Anhalt von den Leuna-Werken das Industriekraftwerk Nord und verpachtete es an die neu gegründete LEUNA-STEAG Energiegesellschaft mbH. Am selben Ort startete STEAG mit der Gründung der STEAG Energieanlagen Sachsen-Anhalt GmbH (SESA) ihr erstes Neubauprojekt in Ostdeutschland. Die SESA fungierte auch als Bauherrin des neuen Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerkes (GuD-Kraftwerk) in Leuna. Diesem Projekt schloss sich wenige Jahre später ein Kraftwerk zur Versorgung der im Bau befindlichen Großraffinerie mit Strom und Wärme an. 1998 kamen durch die Übernahme der Saarbergwerke AG durch die Ruhrkohle AG (RAG) Kraftwerksaktivitäten aus dem Saarland in den Konzern. Diese Integration fand – nach der vollständigen Übernahme von STEAG durch RAG – mit der Gründung der Saar Energie AG im Oktober 2004 ihren Abschluss. Und auch international begann STEAG ihr Engagement weiter auszubauen: 1999 ging in Kolumbien das von STEAG geplante, finanzierte und gebaute Kraftwerk Termopaipa IV ans Netz. Im Jahr 2000 begann der Bau des Großkraftwerkes Iskenderun im Süden der Türkei, das 2004 die Stromerzeugung aufnahm. 2006 schließlich ging auf Mindanao (Philippinen) ein Kraftwerk ans Netz. Die 2003 begonnene Neuausrichtung der RAG und die Fokussierung auf die Geschäftsfelder Chemie, Energie und Immobilien brachten für STEAG erneut Veränderungen mit sich. Zum Jahresbeginn 2005 wurden alle Aktivitäten der RAG in den Bereichen Kohlehandel, Kraftwerksbau und -betrieb, Entsorgung sowie Gas- und Fernwärmeversorgung bei STEAG gebündelt. Das Energieunternehmen wurde nun innerhalb der RAG zu einer der tragenden Säulen des Konzerns geformt. Am 12. September 2007 wurde aus der RAG Beteiligungs AG die Evonik Industries AG mit den drei Geschäftsfeldern Chemie, Energie und Immobilien. Zur gleichen Zeit ging die RAG-Aktiengesellschaft als eigenständiges Unternehmen aus dem früheren RAG-Konzern hervor. Eigentümerin beider Unternehmen ist seither die RAG-Stiftung. 2008 begann Evonik Industries sich als Spezialchemie-Konzern aufzustellen – die Energie- und Immobilienaktivitäten wurden fortan nicht mehr als Kerngeschäft angesehen.

„Eine große Herausforderung war die Entscheidung zum Neubau von Walsum 10, weil es nach langen Jahren der erste Beschluss zu einem Kraftwerksneubau in Deutschland war. Deshalb war es wichtig, dass die Evonik mit dem Vorsitzenden des Vorstands, Herrn Dr. Müller, unser Vorhaben nachhaltig unterstützte und dass die Zusammenarbeit mit EnBW und mit unserem Partner aus Österreich, der EVN, so gut funktionierte. Die Situation im Inland war schon damals für konventionelle Energien alles andere als optimal, weshalb wir beispielsweise auch auf einen Neubau am Kraftwerk Lünen verzichteten. Herausfordernd war auch die Übernahme der Kraftwerke im Saarland. Wir sollten Doppelstrukturen vermeiden und ein Unternehmen werden, mussten das aber natürlich sehr sensibel handhaben. Stolz war ich auch auf unser Engagement im Ausland: Das Kraftwerk in Mindanao wurde in meiner Zeit fertiggestellt, und auch die Leistungen unserer Ingenieure in Indien waren beeindruckend. Bei STEAG habe ich erlebt, was gelebte Sozialpartnerschaft ist: Das große Engagement der Kraftwerker, die hohe Bereitschaft der Mitarbeiter, auch ins Ausland zu gehen, all das war keine Selbstverständlichkeit. Als wir beispielsweise einmal ein Projekt in Russland geplant, dafür aber nicht ausreichend Ingenieure zur Verfügung hatten, haben wir Ehemalige gefragt – und jeder, wirklich jeder, war bereit mitzumachen. Das ist eben STEAG.“

Dr. Alfred Tacke
2004 bis 2006 Vorstandsvorsitzender der STEAG AG, von 2007 bis 2008 Vorsitzender der Geschäftsführung der Evonik Steag GmbH. Darüber hinaus von 2006 bis 2008 Mitglied des Vorstands der RAG Beteiligungs-AG (später Evonik Industries AG)

2010 bis heute – Abschiede und Innovationen

Das neue Jahrzehnt brachte für STEAG eine tiefgreifende Veränderung in der Eigentümerstruktur: Im März 2011 erwarb ein Konsortium aus sieben Ruhrgebiets-Stadtwerken von der Evonik Industries AG 51 Prozent an der Evonik Steag GmbH, die kurz darauf in STEAG GmbH umfirmierte. Seit 2014 ist STEAG zu 100 Prozent Eigentum der Stadtwerke aus Bochum, Dinslaken, Dortmund, Duisburg, Essen und Oberhausen. Inzwischen arbeiten mehr als 6.000 Menschen in der ganzen Welt für STEAG, und der einstige Kohleverstromer steht heute für viele Energieträger – erneuerbare und fossile – mit einem umfassenden Knowhow in der Stromerzeugung und Energiewirtschaft. So wurden 2010 auf der Halde Oberscholven in Gelsenkirchen die ersten STEAG-Windkraftanlagen in Deutschland installiert. 2013 nimmt STEAG in Duisburg den Kraftwerksblock Walsum 10 mit einer Gesamtleistung von 793 Megawatt in Betrieb – mit einem Wirkungsgrad von mehr als 45 Prozent eines der weltweit modernsten Steinkohle-Kraftwerke. 2015 setzt STEAG mit der Gründung der Fernwärmeschiene Rhein-Ruhr einen weiteren Meilenstein: Das vom Land NRW und der EU mit bis zu 100 Millionen Euro geförderte Großprojekt soll 25 Kilometer quer durch das Ruhrgebiet verlaufen und rund 100.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr einsparen. Ebenso innovativ ist das Großbatterie-Projekt, das STEAG 2016 vorstellt: Sechs Batteriesysteme mit 90 MW auf Lithium-Ionen-Basis gehen in Nordrhein-Westfalen und im Saarland in Betrieb und tragen mit ihrer Primärregelleistung zur Stabilisierung des Stromnetzes bei. Der politisch forcierte rasante Ausbau der Erneuerbaren Energien und die daraus folgenden niedrigen Strompreise an der Börse zwingen STEAG aber auch zu drastischen Schritten. Im März 2017 wird das Kraftwerk Voerde, mit 2234 Megawatt Leistung einst das größte Steinkohlekraftwerk Deutschlands, stillgelegt. Doch es gibt auch im konventionellen Erzeugungsbereich gute Botschaften: Im Oktober 2017 gibt STEAG Planungen zum Bau eines neuen Gaskraftwerks in Herne bekannt, das per Kraft-Wärme-Kopplung neben Strom insbesondere Wärme produzieren wird.

„Ich bin nun seit 20 Jahren bei STEAG und habe erlebt, wie wir mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch schwierigste Situationen bewältigt haben: anspruchsvolle Aufträge unter Zeitdruck, technisch knifflige Aufgaben, die unseren Ingenieuren all ihr Know-how abverlangt haben oder traurige Anlässe wie jüngst die Stilllegung des Kraftwerkstandortes Voerde. Und gerade jetzt fordern uns die Verwerfungen auf dem deutschen Energiemarkt viel ab. STEAG muss sich – wieder einmal – teilweise neu erfinden. Das ist aber geradezu charakteristisch für unser Unternehmen. Wenn sich die Rahmenbedingungen geändert haben, hat sich auch STEAG geändert und war auch immer gut darin, diese mitzugestalten. Von der Kohleverstromung kommend, steht STEAG heute für viele Energieträger – erneuerbare und fossile. Wir haben unsere Dienstleistungs- und Erzeugungsbasis kontinuierlich ausgebaut. Das wird auch weiterhin gelingen, dessen bin ich mir sicher. Neben der hohen Expertise bringen wir dafür vor allem eines mit: Vertrauen, Respekt im Umgang miteinander und nicht zuletzt das gewisse ,Wir-Gefühl‘. Das ist es, was dieses Unternehmen und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausmacht: Die Wurzeln nicht zu vergessen, sich aber immer wieder neue Ziele setzen zu können. Unsere Konstante heißt eben Veränderung.“

Joachim Rumstadt
2007 bis 2009 Mitglied der Geschäftsleitung der Evonik Steag GmbH. Seit 2009 Vorsitzender der Geschäftsführung der Evonik Steag GmbH (seit 2011 STEAG GmbH). Von 2009 bis 2014 außerdem Mitglied im Aufsichtsrat der RAG Aktiengesellschaft.