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  • „Wir müssen uns in der Lehre anpassen“

    Die Energiewende wirkt nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Lehrbetrieb. An der Ruhr-Universität Bochum richtet Prof. Dr. Viktor Scherer den Lehrstuhl für Energieanlagen und Energieprozesstechnik mittlerweile verstärkt auf neue Technologien aus.

    Herr Professor Scherer, Sie haben 1984 Ihren Abschluss in Maschinenbau an der Uni Karlsruhe gemacht. Würden Sie rückblickend behaupten, dass Sie ein guter Student waren?
    1984, das ist lange her. 1984 ist übrigens ungefähr das Jahr, in dem der Growian, das erste große Windrad zur Stromerzeugung, in Deutschland in Betrieb ging. Damals kein Erfolg, oft brauchen neue Technologien eben einen zweiten Anlauf. Und ja, ich war ein guter Student, zugegeben nicht der schnellste mit meinen elfeinhalb Semestern. Ich habe mir bewusst damals auch Vorlesungen angehört, die über die Mindestanforderungen des Studiengangs hinausgingen, einfach weil es mich interessiert hat.

    Und wie blicken Sie auf die Studierenden von heute?
    Positiv. Die Studierenden von heute sind genauso neugierig wie ich 1984. Sie wollen etwas verändern, beitragen zu wichtigen Themen, eben zu Dingen wie der Energiewende. Sie müssen aber auch lernen, dass Neugier allein nicht reicht. Maschinenbau ist auch heute noch ein Studium, das fordert, das Konsequenz und Durchhaltevermögen braucht. Mir fällt aber auf, dass die Mobilität der Studierenden zugenommen hat. 1984 war das Auslandssemester noch die Ausnahme, heute ist das nichts Ungewöhnliches mehr – schon das ist ein guter Grund, Freund der EU zu sein.

    Die Energiewende prägt inzwischen zahlreiche Lebensbereiche – wie hat sie Ihre Lehr- tätigkeit verändert?
    Selbstverständlich müssen wir uns in der Lehre an gesellschaftliche, technologische und industrielle Veränderungen anpassen, so auch im Zug der Energiewende. Das fordern auch die Studierenden ein, und das ist gut so. So hat sich zum Beispiel in meiner Vorlesung Thermische Kraftwerke der Schwerpunkt von Kohlekraftwerken hin zu kombinierten Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerken verschoben, die in Deutschland in der Energiewende eine wichtige Rolle einnehmen werden. Wir sprechen auch aktuelle politische Entwicklungen wie beispielsweise den Kohleausstiegsbeschluss an und zeigen die veränderten Rahmenbedingungen, Konsequenzen und mögliche Lösungen hieraus auf. An meinem Lehrstuhl haben wir zudem reagiert, indem wir neue Vorlesungen eingeführt haben, so zum Beispiel CO2-Abscheidung aus Industrieprozessen.

    Sind als Folge der Energiewende neue Studiengänge entstanden?
    Schon vor mehr als zehn Jahren haben wir den Studiengang Umwelttechnik und Ressourcenmanagement gemeinsam mit den Bauingenieuren in Bochum gegründet. Schwerpunkte sind Umweltschutzthemen und Recycling von Rohstoffen. Der Studiengang wird sehr gut angenommen und hat vor allem auch dazu geführt, dass vermehrt junge Frauen in Bochum Ingenieurwissenschaften studieren. Wir haben aber auch neue Professuren eingerichtet, die Themen der Energiewende abdecken. Zum Beispiel lehrt seit diesem Jahr Professor Thomas Müller in Bochum. Sein Lehrstuhl Carbon Sources und Conversion untersucht geschlossene Stoffkreisläufe für Kohlenstoff.

    Inwieweit ist es Ihnen wichtig, praxisnah zu lehren, und wie überprüfen Sie die Wirksamkeit dieser praktischen Ausrichtung?
    Basis einer jeden Vorlesung ist es zunächst einmal, die theoretischen Grundlagen zu vermitteln, um technische Prozesse verstehen zu können. Das sollte die Grundlage eines jeden guten Universitätsstudiums sein. Aber dennoch wäre es schlecht, wenn gerade ich keine praxisorientierten Beispiele geben würde. Ich war zehn Jahre in der Industrie tätig und versuche, meine Erfahrungen weiterzugeben. Zum Beispiel, dass der Prozess mit dem besten Wirkungsgrad nicht auch der optimale für die industrielle Praxis sein muss. Im Bereich studentischer Arbeiten kooperieren wir mit externen Partnern wie STEAG. Eine ganze Reihe von Arbeiten ist so entstanden, zum Beispiel zu Redox-Flow-Batterien, Flüssigluftspeicherkraftwerken oder Potenzialabschätzungen zur Wasserstoffwirtschaft. Auch dies ist eine Möglichkeit, universitäres Studium mit Industriepraxis zu verknüpfen.

    Ist der Lehrstoff durch die Vielfältigkeit der Energieformen komplexer geworden und hat das auch die Art der Stoffvermittlung verändert?
    Nicht unbedingt. Aber das Themenspektrum ist schon vielfältiger geworden. Wo es früher nur thermische Kraftwerke zur Stromerzeugung gab, gibt es jetzt auch solarthermische Kraftwerke, Windkraft, Photovoltaik. Speicherthemen haben ein völlig neues Gewicht bekommen. Von daher ist es wichtig, den Studierenden zunächst einen Überblick über diese Themen zu geben, damit sie diese einordnen und Vor- und Nachteile kennenlernen können. In den einzelnen Fachvorlesungen geht es dann in die Tiefe der Technik, und das ist nach wie vor anstrengend und fordernd.

    Zur Person
    Prof. Dr.-Ing. Viktor Scherer lehrt seit 2000 an der Ruhr-Universität Bochum. Aktuell ist er Inhaber des Lehrstuhls für Energieanlagen und Energieprozesstechnik. Er studierte Maschinenbau an der Universität Karlsruhe, wo er 1989 auch promovierte und im Anschluss als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. 1990 wechselte Viktor Scherer zum Energie- und Automatisierungstechnikkonzern Asea Brown Boveri, wo er in verschiedenen Positionen arbeitete. Der heute 61-Jährige wurde für seine Erkenntnisse auf dem Gebiet der Strom- und Wärmeerzeugung mit dem VGB Innovation Award ausgezeichnet. Seinen Lehrstuhl richtet er auch auf neue Themengebiete aus. So hält zum Beispiel Dr. Martin Müller vom Forschungszentrum Jülich seit diesem Semester eine Vorlesung zu elektrochemischen Energiewandlern, also zu Elektrolyse zur Wasserstofferzeugung und zu Brennstoffzellentechnologie.

    Ruhr-Universität Bochum
    Die Ruhr-Universität Bochum (RUB) in Bochum ist mit aktuell 43.015 Studierenden eine der zehn größten Universitäten in Deutschland. Die RUB war 1962 (Aufnahme des Lehrbetriebs 1965) die erste Universitätsneugründung in der Bundesrepublik und von Beginn an als Reformuniversität ausgerichtet. Bekannte Absolventen der RUB sind Bundesumweltministerin Svenja Schulze, der ehemalige Minister für Bauen und Verkehr in NRW und jetzige Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie Oliver Wittke sowie der langjährige Bundestagspräsident Norbert Lammert. Aber auch die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands Margot Käßmann sowie der Musiker Herbert Grönemeyer haben hier studiert.

    Verändern sich durch diese praxisnahe Ausrichtung die Chancen der Studierenden für den späteren Einstieg in den Beruf?
    Primäre Aufgabe des Studiums ist es, solide Grundlagen zu vermitteln. Ein Studium soll auch frühzeitig Einblicke in die Praxis vermitteln, Industriepraxis ersetzen kann es aber nicht. Manches lernt man nun mal nur im Job. Aber die Studierenden können einiges dazu tun, ihre Einstiegschancen zu verbessern. Dazu zählen auch heute noch gute Noten, ein roter Faden im Studium und eine überlegte Auswahl der Module: Gibt das in den Augen des Arbeitgebers ein schlüssiges Gesamtbild? War ich mobil, also habe ich ein Auslandssemester oder Auslandspraktikum gemacht? Habe ich die studienbegleitenden Praktika gut gewählt?

    Wie hat sich der Fokus der Studierenden verändert – richten sie ihren Studiengang stärker als früher auf eine praxisnahe Anwendung aus?
    Es gab schon immer zielstrebige und weniger zielstrebige Studierende. In Summe habe ich aber das Gefühl, heute wird zielgerichteter studiert. Wir haben vermehrt Studierende in der Regelstudienzeit, gefühlt eher mehr als zu Zeiten der Diplomstudiengänge. Wie schon gesagt, die internationale Mobilität hat zugenommen, eine sehr gute Entwicklung.

    Wagen Sie einen Blick in die Zukunft: Wie könnten Studiengänge in Ihrem Lehrstuhl in zehn Jahren aussehen?
    Bis dahin werden sich zwei Dinge wesentlich ändern: Studiengänge werden sich noch stärker auf erneuerbare Energien ausrichten, auch durch die Ernennung neuer Professoren, die in der Zeit der Energiewende ihr Handwerkszeug gelernt und in diesem Umfeld gearbeitet und geforscht haben. Und die Studiengänge werden englischsprachiger werden. Hier liegen wir immer noch weit hinter Ländern wie der Schweiz, den Niederlanden oder Skandinavien zurück.

    Herr Prof. Dr. Scherer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

    Fotos: Ontyd/Ruhr-Universität Bochum WISSEN