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  • „Eine einheitliche Preiszone ist wichtig für einen funktionierenden Markt“

    Die European Energy Exchange (EEX) ist Europas führende Energiebörse. Im Interview erklärt Vorstandschef Peter Reitz, welche Herausforderungen die europäische Energiepolitik an die Börse stellt.

    Zur Person:
    Peter Reitz (54) ist seit 2011 Vorstandsvorsitzender der EEX und der European Commodity Clearing (ECC), die das Clearing und die Abwicklung aller gehandelten Geschäfte sicherstellt. Seine Laufbahn begann der Diplom-Mathematiker als Produktmanager bei der Deutsche Börse AG in Frankfurt, bei der er seit 2004 – auch nach seinem Wechsel zur EEX – als Geschäftsführer tätig ist. Von 2000 bis 2001 arbeitete Peter Reitz bei Dow Jones Indexes in New York und war anschließend bis Ende 2018 Mitglied des Vorstands der Terminbörse Eurex. Die Entwicklung der EEX und ECC begleitet er als Mitglied des jeweiligen Aufsichtsrats bereits seit 2007.

    Herr Reitz, die Energiewende spaltet Deutschland in Befürworter und Gegner. Was bedeutet diese Transformation für das Geschäft an der EEX?
    Für unser Geschäft waren die Auswirkungen bisher überwiegend positiv. Wir sehen uns in der Rolle eines Gestalters der Energiewende, der Innovationen aus und mit dem Markt umsetzt. Heute wird im börslichen Spotmarkt für Strom zum Beispiel im Viertelstundentakt gehandelt, bis fünf Minuten vor tatsächlicher Lieferung, und das an 365 Tagen, 24 Stunden rund um die Uhr. Das sind Marktstandards, die sich völlig ohne regulatorische Vorgaben aus dem Markt entwickelt haben.

    Das Europäische Parlament hat gerade neue Vorschriften für die Gestaltung des Strommarkts aufgestellt, die den Verbraucher „in den Mittelpunkt der Energiewende“ stellen sollen. Gleichzeitig sehen sich die Verbraucher mit stetig steigenden Strompreisen konfrontiert. Wie erklärt sich das?
    Deutschland hat nach Skandinavien die niedrigsten Preise im börslichen Großhandelsmarkt, aber umgekehrt die höchsten Endkundenpreise, sowohl bei Privatkunden- als auch bei den Industriestrompreisen. Der Grund liegt eindeutig in der Höhe der nicht-marktlichen, staatlich induzierten Preisbestandteile. Hier muss Politik konkret ansetzen, zum Beispiel, indem die EEG-Umlage oder die Stromsteuer abgesenkt werden.

    Gibt es Unterschiede in der Bereitschaft der einzelnen Länder, den Rat der KAS anzunehmen?
    Das kommt ganz darauf an, mit wem wir in den einzelnen Ländern im Gespräch sind. Grundsätzlich erfahre ich eine große Offenheit und auch Neugierde gerade mit Blick auf aktuelle Entwicklungen in Deutschland und Europa. Darüber öffnen sich viele Türen. Aber klar, in Ländern, in denen die demokratische Entwicklung noch oder mal wieder kompliziert ist, kann es schwierig sein. Aber auch dort finden beziehungsweise haben wir immer gute Gesprächskanäle.

    Ziel dieser europäischen Gesetzgebung ist es auch, mit einem gemeinsamen Rahmen für Kapazitätsmechanismen klimapolitische Ziele und Versorgungssicherheit in Einklang zu bringen. Wird das aufgehen?
    Ich bin grundsätzlich skeptisch, was das Vermischen von Zielen bei einzelnen Instrumenten angeht, und vielmehr ein Freund der Devise „ein Ziel, ein Instrument“. Für Klimaschutz ist der Emissionshandel das richtige Instrument. Bei der Versorgungssicherheit ist das der Energy-Only- Markt, also ein Markt, an dem nur die tatsächlich erzeugte Energie vergütet wird und, sofern Mitgliedstaaten das als notwendig ansehen, Kapazitätsmechanismen als Ergänzung dazu.

    Welche Auswirkungen haben die energiepolitischen Maßnahmen konkret auf die EEX?
    Ein Beispiel ist die Frage, wie man in Europa und den Mitgliedstaaten mit Engpässen im Stromnetz und in der Konsequenz mit den Gebotszonen im Strommarkt umgeht. Die EU-Kommission und einige Mitgliedstaaten präferieren den Ansatz, die Gebotszone für den Handel eher den physischen Gegebenheiten im Netz anzupassen. Das würde aber die Grundlage für den Handel infrage stellen. Das wiederum führt zu Unsicherheit bei den Marktteilnehmern und ist Gift für den Handel. In Deutschland sieht das die überwiegende Mehrheit in der Energiewirtschaft und der Politik so wie wir, nämlich, dass eine einheitliche deutsche Preiszone wichtig ist für einen funktionierenden Markt mit aussagekräftigen Preissignalen und hoher Liquidität..

    „Elektronischer Handel und ein Höchstmaß an Sicherheit und Integrität machen heute das Geschäftsmodell von Börsen aus.“

    Das Stromsystem in Europa wird zunehmend von erneuerbaren Energien geprägt sein. Das EU-Ziel für das Jahr 2030 lautet, dass dann rund 50 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen stammen. Wie wird sich das auf den Handel auswirken?
    Der Handel hat schon bisher einen großen Beitrag zur Marktintegration der Erneuerbaren geleistet und durch neue Geschäftsmodelle wie die Direktvermarktung profitiert. Sicherlich wird der kurzfristige Handel weiter an Bedeutung gewinnen, um die Fluktuationen auszugleichen. Ich sehe aber auch Chancen für den Terminmarkt. Beispielsweise, wenn in Zukunft immer mehr Erzeugungsanlagen auf Basis erneuerbarer Energien ohne EEG-Förderung, sprich ohne garantierte Einspeisevergütung, an den Markt kommen oder wenn Altanlagen nach 20 Jahren aus der Förderung fallen. In beiden Fällen müssen sich die Betreiber dann über den Markt finanzieren und ihre Risiken besichern.

    Der CO2-Markt ist eine weitere wichtige Säule für Ihr Geschäft, Sie sind mit der EEX die zentrale Auktionsplattform für die gesamte EU – wie wird sich der Handel mit Emissionszertifikaten künftig entwickeln?
    Bei einer Vielzahl unserer Veranstaltungen zur lateinamerikanischen Energiepolitik binden wir Wirtschaftsvertreter ein. Vor diesem Hintergrund kann ich diese positive Sichtweise nur bestätigen. Ausländische Investitionen, Technologien und der generelle energiewirtschaftliche Austausch sind hier willkommen. Selbst in Ländern, in denen die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft nicht ganz so präsent sind, gibt es meist großes Interesse.

    Lateinamerika ist reich an natürlichen Ressourcen – wie hoch ist der Stellenwert von Klimapolitik? Welche Unterschiede gibt es zwischen den einzelnen Ländern?
    CO2-Bepreisung ist eines der bestimmenden Themen in der Klimapolitik. Ich gehe davon aus, dass daher die Bedeutung besonders des Emissionshandels zunehmen wird – sowohl auf europäischer Ebene als auch weltweit. In Deutschland wird jetzt ein nationaler Emissionshandel für fossile Brennstoffe eingeführt. Auf EU-Ebene beginnt gerade die Debatte, wie sich etwas Ähnliches im europäischen Maßstab umsetzen lässt. Wir verfolgen selbstverständlich diese Entwicklungen und stehen mit unserer Erfahrung und Infrastruktur bereit, um bei der Umsetzung mitzuhelfen.

    Der Energiemarkt ordnet sich neu, ein Trend ist die Dezentralisierung. Spiegelt sich das auch in Ihren Handelsaktivitäten wider?
    In jedem Fall, wir sehen das ganz unmittelbar an der steigenden Marktteilnahme auch kleiner Akteure. Ich gehe auch davon aus, dass diese Entwicklung weitergeht, zum Beispiel im Fall von EEG-Anlagen, die ab dem kommenden Jahr nach und nach aus der Förderung fallen. Statt Einspeisevergütung und Vermarktung durch den Netzbetreiber werden die Anlagenbetreiber sich mit dem Markt auseinandersetzen und stehen vor der Frage, ob sie einen Dienstleister nutzen oder – ausreichende Größe vorausgesetzt – selbst in der Vermarktung aktiv werden.

    Der An- und Verkauf von Strom verschiebt sich immer mehr vom langfristigen zu einem kurzfristigen Handel. Wie gehen Sie an der EEX mit dieser Entwicklung um?
    Es ist richtig, dass die Bedeutung des sehr kurzfristigen Handels, also des Intraday-Markts, weiter zunimmt. Gleichzeitig sehen wir aber auch eine steigende Bedeutung langfristiger Absicherung am Terminmarkt. Deshalb werden wir im Laufe des Jahres auch die Absicherung am Terminmarkt von bisher sechs Jahren auf dann bis Ende dieser Dekade, bis 2029, ausweiten. Dieses Angebot zur langfristigen Risikoabsicherung wird zukünftig ein wichtiger Baustein sein für die notwendigen Investitionen – sei es in förderungsfreie erneuerbare Energien, in flexible Gaskraftwerke oder in Speicher. Wir sehen bereits heute in unserem spanischen Stromterminmarkt, dass Erneuerbare-Langfristverträge zusätzlich über die Börse mit langfristigen Handelsgeschäften abgesichert werden. Das kann auch ein Modell für Deutschland werden.

    Auch durch die zunehmende Verbreitung erneuerbarer Energien wird der Stromhandel immer schneller und anspruchsvoller, längst bestimmen Algorithmen die maßgeblichen Schritte. Wie gewährleisten Sie, dass diese Millionen von Daten sicher und ohne unzulässige Einflussnahme von Dritten gehandelt werden?
    Elektronischer Handel und ein Höchstmaß an Sicherheit und Integrität machen heute das Geschäftsmodell von Börsen aus. Da unterscheiden wir uns nicht vom Finanzmarkt. Im Grunde sind wir zur Hälfte ein IT-Unternehmen, um genau das sicherzustellen.

    Herr Reitz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

    European Energy Exchange (EEX)
    Die European Energy Exchange (EEX) mit Sitz in Leipzig ist die führende europäische Energiebörse.
    Als Teil der EEX Group, einer auf internationale Commodity-Märkte spezialisierten Unternehmensgruppe, bietet die EEX Kontrakte auf Strom, Erdgas und Emissionsberechtigungen sowie Fracht- und Agrarprodukte an. Weiterhin bietet die EEX auch Registerdienstleistungen und Auktionen für Herkunftsnachweise an. Die EEX zählt circa 300 Handelsteilnehmer, darunter deutsche und europäische Energieunternehmen, Banken, Industrieunternehmen, Stadtwerke, Direktvermarkter und Broker.