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Digitalisierung – das verbindende Element der Energiewende

Digitale Technologie hat die Entwicklung der Energiebranche bereits maßgeblich beeinflusst. Aus Sicht von Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Deutschen Energie-Agentur (dena), ist noch mehr möglich: das Zusammenwachsen der Energiesektoren in einem integrierten Gesamtsystem.

Zur Person
Andreas Kuhlmann (51) ist seit Juli 2015 Vorsitzender der dena-Geschäftsführung. Der gebürtige Recklinghausener und bekennende Schalke- 04-Anhänger ist Mitglied im Präsidium des Weltenergierats, Mitglied im Global Future Council des Weltwirtschaftsforums zur Zukunft der Energie sowie Mitglied im Beirat der Gesellschaft zur Förderung des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln e. V. Zu STEAG hat Andreas Kuhlmann eine besondere Beziehung seit er hier in den 80er-Jahren ein Schulpraktikum absolvierte.

Herr Kuhlmann, die Energiewende überwindet die bisherige Trennung in Erzeuger und Verbraucher, künftig wird es immer mehr sogenannte ,Prosumer‘ geben. Wie steht es mit Ihnen – sind Sie lediglich Energienutzer oder auch Energieproduzent?
Ich wohne in einer Mietswohnung, dritte Etage. Da gibt es noch nicht so viele Möglichkeiten. Und Balkon-Solarzellen einfach an die Steckdose anstöpseln, da sträubt sich mein Physiker-Herz noch etwas. Aber ich habe auch eine Immobilie in Marl. Da denke ich gerade über so etwas nach. Vielleicht sollte ich mal mit einem Experten von STEAG darüber sprechen?

Die dena versteht sich auch als Förderer der Digitalisierung in der Energiebranche. Kann die Energiewende ohne Digitalisierung überhaupt gelingen?
Gute Frage, ich glaube nicht. Digitalisierung findet in allen Bereichen unseres Lebens statt, längst auch in der Energiewirtschaft und beim Klimaschutz. Digitalisierungstechnologien sind eine Art ,Klebstoff‘ einer erfolgreichen Integration der einzelnen Sektoren in ein Gesamtsystem, der integrierten Energiewende. In Zukunft werden wir noch viel stärker von isolierten Systemen für Strom, Wärme und Mobilität wegkommen – hin zu einer Gesamtbetrachtung von Erzeugung und Verbrauch.

Worin sehen Sie die Vorteile dieser Entwicklung, auch für den Einzelnen?
Für den Verbraucher kann sie mehr Service mit sich bringen. Neue Angebote kommen auf dem Markt, die einstmals getrennte Komponenten zusammenführen, zum Beispiel irgendwann das Elektroauto mit der Solaranlage. Außerdem bekommt der Verbraucher die Möglichkeit, mehr Transparenz über seine Energieverbräuche zu bekommen. Und er kann an manchen Stellen deutlich einfacher Energie sparen. Für Unternehmen ist Digitalisierung zunehmend die Basis neuer Geschäftsideen. Und es gibt einen weiteren Effekt: Unternehmen, die sich mit diesen Fragestellungen beschäftigen, ziehen auch junge Menschen mit neuen Ideen an.

Deutschlandweit gibt es mittlerweile rund 1,6 Millionen dezentrale Erzeugungsanlagen – Tendenz steigend. Ist es wirklich realistisch, all diese Erzeuger mittels Digitalisierung so intelligent zu koordinieren, dass sie beispielswiese verlässlich zur Netzstabilität beitragen können?
Gegenfrage: 1880, als die ersten Häuser elektrifiziert wurden, war es da realistisch, dass Elektrifizierung heute nicht mehr wegzudenken ist? Sie haben natürlich recht. Die Herausforderung ist groß, aber zum Teil zeichnen sich schon Lösungen ab: Beispielsweise sind Wechselrichter von Solarstromanlagen dank fortgeschrittener digitaler Mess- und Steuerungstechnik heute so weit, dass sie bei bestimmten Netzsituationen angesteuert werden können, um die Frequenz zu stabilisieren.

Kritiker der Digitalisierung wenden ein, dass die zunehmende Vernetzung auch Gefahren mit sich bringt, beispielsweise durch folgenreiche Cyber-Angriffe, die ganze Netze lahmlegen. Ist diese Kritik berechtigt? Keine Frage: Die Digitalisierung in fast allen Lebensbereichen bringt auch Fragilität mit sich. Daher ist der Schutz unserer Netze auch ein Thema, das mit hoher Priorität vorangetrieben wird, beispielsweise durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, uns nicht nur immer wieder auf neue Technologien einzustellen, sondern auch auf deren Missbrauch. Das muss selbstverständlich auch Fragen der Resilienz beinhalten und ist ein permanenter Prozess.

Smart Metering, Multichannel-Platforms, Big Data – muss das Energieunternehmen der Zukunft ein Datenspezialist sein?
Naja, digitales Denken wird sicher ein wesentlicher Bestandteil sein. Aber Energiewirtschaft ist natürlich viel mehr als Software. Die Kernkompetenz der Energiewirtschaft, das gesamtsystemische Verständnis von Erzeugung, Netzen, Verbrauch und alledem, wird weiterhin bei den Energieunternehmen wie beispielsweise STEAG liegen. Mit dieser Kompetenz kann man auch selbstbewusst umgehen. Aber es braucht vermehrt Menschen in Energieunternehmen, die digital denken, nach neuen Ideen suchen, Kooperationen eingehen und neue Kompetenzen aufbauen. Alles das wird in Zukunft noch stärker ineinandergreifen.

Wie weit sehen Sie den Prozess der Digitalisierung durch regulatorische Vorgaben beeinflusst – anders gefragt: Haben wir die richtigen Gesetze, um die Digitalisierung in der Energiebranche erfolgreich zu gestalten?
Wie sich am Einzug der Digitalisierung in die Energiebranche zeigt, ist auch unter der aktuellen Gesetzgebung schon einiges möglich. Wir sehen viele Aktivitäten, oft noch in der Ideen- und leider noch nicht in der Renditephase. Diesen Effekt dürfen wir aber nicht allein der Politik zuschreiben. Die Herausforderung der Legislative ist ja auf der einen Seite, Stabilität zu gewähren, und auf der anderen Seite, den Unternehmen genügend Flexibilität einzuräumen. Und an diesem Punkt sind wir alle miteinander gefragt: Wir müssen mit unseren Forderungen an die Politik präziser werden.

Die Digitalisierung hat bei STEAG bereits zu Beginn der 80er-Jahre Einzug gehalten: Zu dieser Zeit führte das Energieunternehmen in seiner Leitwarte die ersten digitalen Systeme zur Steuerung und Regelung des in den unternehmenseigenen Kraftwerken erzeugten Stroms ein. Inzwischen hat STEAG diesen Prozess auf Basis digitaler Technik weiter vorangetrieben: Heute arbeitet die Leitwarte nahezu vollautomatisiert und kann von jeweils einem Mitarbeiter im Schichtbetrieb (Ein-Mann- Warte) überwacht werden – künftig möglicherweise sogar über ein mobiles Endgerät. Eine von vielen digitalen Innovationen, die im Mai auf der STEAG-Digitalisierungskonferenz vorgestellt wurden, auf der Möglichkeiten, digitale Technik für das Unternehmen nutzbar zu machen, diskutiert wurden. Eine weitere digitale Lösung sind Auto-Trader für die Intraday-Vermarktung: Auf diese Weise ist ein autonomer Handel von freier Leistung der STEAG-Kraftwerke (mit individuellen Algorithmen für verschiedene Kraftwerkstypen) am Markt möglich. Dabei gehen Kauf und Verkauf von Strom an der EPEX-SPOT-Börse automatisiert vonstatten. Und auch bei der Lastoptimierung im Fernwärmenetz macht sich STEAG digitale Technik zunutze: Durch ein selbstlernendes Lastmanagement- System lassen sich teure Spitzenlasten in der Erzeugung vermeiden, gleichzeitig werden der Brennstoffeinsatz und damit auch der CO2-Ausstoß minimiert.

„Es braucht vermehrt Menschen in Energieunternehmen, die digital denken, nach neuen Ideen suchen, Kooperationen eingehen und neue Kompetenzen aufbauen.“

Deutsche Energie-Agentur (dena)
Die dena versteht sich als unabhängiger Treiber und Wegbereiter der Energiewende. Dazu orientiert sich das mehrheitlich bundeseigene Unternehmen am energiepolitischen Zieldreieck aus Umweltverträglichkeit, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit sowie an den international vereinbarten Klimaschutzzielen.

Hat die Politik für diese Entwicklung die notwendigen Rahmenrichtlinien gesetzt und wo sehen Sie ggf. Optimierungsbedarf?
Das ist zum Beispiel eine Aufgabe der dena. Wir fragen die Unternehmen: Welche Rahmenbedingungen benötigt ihr für euer Business? Und dann fragen wir beispielsweise im Bundeswirtschaftsministerium: Welche Möglichkeiten gibt es hierfür? Unternehmen brauchen eine Art Experimentierraum. Dafür sollte die Bundesregierung – analog zum Förderprogramm SINTEG – einen zeitlich begrenzten und anwendungsbezogenen Ausnahmedatenbestand schaffen. Und im Bereich Pooling, also dem digital gesteuerten Zusammenschluss von Anlagen und Verbrauchern, würde ich mir wünschen, dass die Bundesregierung Wettbewerb und Wachstum durch eine übergreifende Strategie aktiv fördert und sichert.

Die Digitalisierung hat die Energiebranche in den vergangenen fünf Jahren schon erheblich verändert – wagen Sie einen Ausblick: Wie wird der Energiemarkt in fünf Jahren aussehen?
Generell werden wir in der Energiewirtschaft bis dahin sehr viele Effizienzen gehoben, vielleicht auch an verschiedenen Stellen Prozesskosten eingespart haben. Wir werden sehr viel mehr Elektrofahrzeuge auf den Straßen sehen, durch moderne und bessere Messeinrichtungen mehr Transparenz über Strom- und Wärmeverbrauch haben und Smart-Home-Konzepte werden im Neubaubereich Standard sein. Wir werden auch erleben, wie die Sektoren weiter zusammenrücken – dabei wird die Digitalisierung das verbindende Element sein.

Und wie werden Sie persönlich dann Ihre Energie erzeugen?
Ich bin ein neugieriger Mensch und orientiere mich am Fortschritt. Ich schaue, welche Angebote es gibt, und immer wenn sich ein Gerät aus meinem Umfeld wegen Alter oder Defekt verabschiedet, wird das nächste sicher etwas smarter, effizienter und vielleicht auch vernetzter werden. Darüber hinaus wird es wohl dabei bleiben, dass ich auf die Anbieter von Energie schauen werde. Nicht jeder Verbraucher muss seine komplett eigene Energiewende erfinden. STEAG und viele andere Energieversorger werden sicher auch in Zukunft spannende Produkte anbieten, damit das mit der Energiewende gelingen kann