Der Kumpel ist mehr als ein Klischee

Als Geschäftsführer der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum hat sich der promovierte Historiker Hans-Christoph Seidel auf die Sozialgeschichte des Ruhrgebiets im 19. und 20. Jahrhundert spezialisiert. Im Interview spricht er über die Bedeutung des Bergbaus und der damit verbundenen Unternehmen für die Entwicklung der Region.

 

 

Herr Dr. Seidel, Sie sind ausgewiesener Experte für die Geschichte des Ruhrgebiets mit dem Schwerpunkt Bergbau. Sind Sie ein ,Schreibtischtäter’ oder auch selbst schon einmal unter Tage gewesen?

Sowohl als auch. Ich war Anfang der 2000er-Jahre unter Tage, 1000 Meter auf der Sohle. Da sind wir mit dem ganzen Team für unser damaliges Projekt ,Zwangsarbeit im deutschen Kohlenbergbau’, unter Tage gewesen, um die Arbeitsbedingungen zumindest emotional nachvollziehen zu können.

Und hat das Ihren Blick auf Ihre Forschung verändert?

Ja, schon. Es schafft eine gewisse Verbindung zu dem Gegenstand, mit dem man sich beschäftigt. Aber eher auf einer mentalen Ebene. Wir konnten besser nachvollziehen, warum Bergleute eine derart tiefe emotionale Beziehung zu ihrem Beruf und ihrem Arbeitsumfeld haben.

Der Steinkohlenbergbau hat die Gesellschaft in den Abbauregionen insbesondere an der Ruhr und der Saar nachhaltig geprägt. Sind die Menschen in diesen Regionen anders als andere? Ist der Kumpel womöglich mehr als ein Klischee?

Ja, das ist mehr als ein Klischee. Das sehe ich auch gerade an unserem Forschungsprojekt ,Digitaler Gedächtnisspeicher: Menschen im Bergbau’. In fast jedem unserer Interviews heben ehemalige Bergleute die besondere Kameradschaft und die besondere Solidarität im Bergbau hervor. Andererseits wissen wir aber auch von großen Konflikten: Die Geschichte der industriellen Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber im Bergbau ist bis weit in die 1950er-, auch noch in die 1960er-Jahre hinein vor allem eine Konfliktgeschichte. Das ändert sich erst mit den Krisen. Die lassen Arbeitgeber und Arbeitnehmer enger zusammenrücken.

Wagen wir eine Hypothese: Das Ruhrgebiet und auch Nordrhein-Westfalen wären heute ein gänzlich anderes Bundesland, wenn es den Bergbau, die Kohleförderung und die Kohleverstromung nicht gegeben hätte – spielen Sie mit?

Das ist ein leichtes Spiel. Das Ruhrgebiet gäbe es ohne den Bergbau definitiv nicht. Der Bergbau war absolut raumbildend für das Ruhrgebiet – und zwar in jeder Hinsicht: Als geografische Karte, aber auch als ,mental map’. Ich wage einmal die These: Ohne das Ruhrgebiet gäbe es Nordrhein-Westfalen, so wie es sich heute darstellt, nicht.

„Das Ruhrgebiet gäbe es ohne den Bergbau definitiv nicht.“

Institut für soziale Bewegungen / Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets
Das Institut für soziale Bewegungen ist eine fächerübergreifende, interdisziplinäre zentralwissenschaftliche Einheit der Ruhr-Universität Bochum. Hier werden Geschichte und Gegenwart der sozialen Bewegungen im Ruhrgebiet erforscht. Die Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets fördert die Erforschung der Geschichte und Gegenwart des Reviers. Am Stiftungssitz in Bochum ist außerdem die Bibliothek des Ruhrgebiets untergebracht, in die die alte Bergbau-Bücherei als größte und umfassendste Bergbau-Fachbibliothek des neuzeitlichen industriellen Bergbaus integriert worden ist. Zurzeit führt die Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets für das Oral-History-Projekt ,Digitaler Gedächtnisspeicher: Menschen im Bergbau‘ Interviews mit rund 100 ehemals im Bergbau tätigen Menschen, vorrangig im Ruhrgebiet, aber auch in Aachen, Ibbenbüren und im Saarland. Das gemeinsam mit dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum realisierte Forschungsprojekt wird durch die RAG Aktiengesellschaft gefördert und soll bis zum Frühjahr 2018 abgeschlossen sein.

In diesem Jahr wird STEAG, 1937 als Steinkohlen- Elektrizität AG gegründet, 80 Jahre alt. Wie betrachten Sie die Entwicklung des Unternehmens?

Dem Ursprung nach ist STEAG ein Verbundunternehmen und damit ein typisches Phänomen im Bergbau. Denn dort lässt sich eine der frühesten industriellen Verbandsbildungen beobachten – angefangen beim Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund über das Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat und später Unternehmen wie RWE, VEW und eben STEAG mit einer besonderen Ziesetzung – den gesamten westdeutschen Kohlebergbau in die Steinkohleverstromung einzubeziehen. Die Geschichte zeigt, dass dieses Konzept aufgegangen ist.

War die Gründung der Ruhrkohle AG 1969 und die Eingliederung von STEAG zur Neuordnung des Steinkohlebergbaus eine zwangsläufige Entscheidung oder hätten die seinerzeit Verantwortlichen einen größeren Gestaltungsspielraum ausschöpfen sollen?

Um den Bergbau tatsächlich zu stabilisieren, war diese Lösung unweigerlich. Aus energiepolitsicher Sicht lässt sich heute natürlich über andere Möglichkeiten spekulieren. Aber es gab ja auch die sozialpolitische Komponente. Als 1958 wegen der rückläufigen Nachfrage die ersten , Feierschichten‘ eingelegt werden mussten, gab es knapp 500.000 Beschäftigte im Bergbau. Als dann rund zehn Jahre später die Ruhrkohle gegründet wurde, waren es noch knapp 200.000. Das sind 300.000 verlorene Jobs in nur einer Dekade – mit allem, was da dranhängt. Wie viele Arbeitsplätze wollen Sie in so einer Region noch ersetzen? Das wäre mit anderen Mitteln nicht zu schaffen gewesen. Insofern ist die Streckung dieses Schrumpfungsprozesses ein Erfolg.

Heute lautet eine maßgebliche Kritik, dass die Energieunternehmen die Entwicklung hin zu erneuerbaren und dezentralen Energien , verschlafen’ hätten. Wie fällt der Blick des Historikers auf diesen Vorhalt aus – ist das gerecht?

Im Nachhinein lässt sich nur allzu leicht jeder Vorhalt machen. Ich sage nur: Wenn man vom Rathaus kommt … Mir ist keine Situation bewusst, von der ich sagen würde, das ist jetzt exakt die Situation gewesen, in der man das Ruder hätte herumreißen müssen. Ich kann nicht feststellen, dass dort in irgendeiner Weise auch von Unternehmensseite eine leichtfertige Politik betrieben worden ist.

Kohle, Stahl – Arbeitgeber im Industrieland NRW sind immer auch Synonym für sichere Arbeitsplätze gewesen. Können Sie den Menschen ein wenig Hoffnung machen, dass der Wandel in diesen großen Unternehmen hin zu anderen Technologien und Produktionsbereichen die verlorengegangenen Arbeitsplätze kompensieren kann?

Da muss ich widersprechen: „Sicher“ im Sinne von „ beständig“ waren die Arbeitsplätze in Kohle und Stahl nie, das ist ein Mythos. Die Auseinandersetzungen in den Bergbau-Krisen in den 50er- und 60er-Jahren habe ich ja bereits angesprochen. Das waren aber nicht die ersten. Nach dem Ersten Weltkrieg hat Deutschland eine Inflationskonjunktur erlebt. Auf dem Höhepunkt der Hyperinflation 1923 gab es 500.000 Beschäftige im Bergbau. Knapp zehn Jahre später, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, waren es nur noch 190.000 Beschäftigte. Insofern war der bergmännische Arbeitsplatz nie so sicher, wie es heute zurückblickend dargestellt wird.

Im kommenden Jahr schließt die letzte Zeche in Deutschland. Was bleibt für Sie als Historiker von der Steinkohle? Was sollte Ihrer Ansicht nach als kulturelles Erbe bewahrt werden?

Ich denke, mindestens für ein bis zwei Generationen der Nachkohlezeit werden Bergbau und Steinkohle ein wesentlicher Aspekt der Identität und der Identifikation mit dem Revier bleiben. Im Rahmen unserer Arbeit haben wir eine interessante Entdeckung gemacht: Diese positive Identifikation mit dem Ruhrbergbau und mit den Industrien, auf die sich diese Regionsbildung gegründet hat, wird stärker, je mehr Bergbau und Stahl abnehmen. Zu deren Hochzeiten hat niemand sentimental vom Ruhrgebiet gesprochen. Heute ist das Ruhrgebiet Weltmeister darin, das für schön zu erklären, was man früher für hässlich gehalten hat.

Was lässt sich aus der Vergangenheit von Ruhrgebiet und STEAG für die Zukunft des Landes und des Unternehmens lernen?

Wenn uns der Blick in die Vergangenheit des Ruhrgebiets eines lehrt, dann ist das die Möglichkeit der Zusammenarbeit verschiedener, sonst antagonistischer Kräfte. Im Ruhrgebiet hat sich eine Kultur des Kompromisses, der Anerkennung, zumindest der Berechtigung von Interessen anderer entwickelt. Das ist etwas, was man sich für die Zukunft bewahren sollte.