„Das tut schon weh.“

47 Jahre lang wurde in Voerde Strom produziert, seit dem 1. April ist der bis dahin größte Kraftwerks-Standort von STEAG
stillgelegt. Nun legen die verbliebenen Mitarbeiter ihren einstigen Arbeitsplatz Schritt für Schritt trocken – damit der Rückbau beginnen kann.

 

 

Die Entscheidung war zwangsläufig: Nachdem RWE im Juni 2016 aufgrund der nachhaltig schwierigen Ertragslage für fossile Großkraftwerke die Stilllegung der gemeinsam mit STEAG betriebenen Blöcke Voerde A/B angemeldet hatte, sah die STEAG-Geschäftsführung keine Möglichkeit mehr, den Betrieb im Kraftwerk West 1 und 2 wirtschaftlich vertretbar aufrechtzuerhalten. Anfang November erfolgte der Beschluss, das Kraftwerk am Niederrhein, eines der leistungsfähigsten in Europa, vom Netz zu nehmen.

„Wir setzen jetzt gemeinsam Schritt für Schritt die ‚Trockenlegung‘ des Standortes um“, sagt Volker Veelmann. Seit eineinhalb Jahren ist er der Leiter des STEAG-Kraftwerkes Bergkamen, seit drei Monaten aber auch für die Trockenlegung des Kraftwerkstandortes Voerde verantwortlich. „Es ist ein merkwürdiges Gefühl und für mich als Techniker nur schwer zu ertragen. Wir haben hier erst 2013 eine komplett neue Leittechnik eingebaut. Das ganze Kraftwerk ist eine hochmoderne Anlage, das tut schon weh.“

Aber der Stilllegungsbeschluss ist unumstößlich. Die Anlage wurde ,abgefahren‘: Sämtliche für den Betrieb benötigten Flüssigkeiten wie beispielsweise Ammoniak und Heizöl wurden aus Rohrleitungen und Behältern abgelassen und fachgerecht entsorgt. Die Kalk-Silos in der Rauchgas-Entschwefelungs- Anlage (REA) wurden entleert. Sämtliche Brandlasten wie Kohlenstaub und andere brennbare Stoffe gemäß den Vorschriften entsorgt. „Mittlerweile sind die Systeme mit Gefahrstoffen alle entleert und gereinigt“, sagt Dirk Iländer, der diese Arbeitsprozesse verantwortet. „Eine behördliche Abnahme gemäß der Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen hat es auch schon gegeben. Nun stehen noch letzte Reinigungsarbeiten an der REA an.“

Sämtliche Teile werden auf Weiterverwendung geprüft
Auch am anderen Ende der einstigen Prozesskette wird noch gearbeitet: Ein großer Teil der rund 14.000 Tonnen Steinkohle, die auf dem Gelände lagerte und mit der die Kraftwerksblöcke noch bis vor Kurzem befeuert wurde, ist bereits zum knapp 90 Kilometer entfernten Kraftwerk Bergkamen am östlichen Rand des Ruhrgebiets transportiert worden“, erklärt Dirk Angrick, der in Voerde unter anderem für die Anlagentechnik zuständig ist. „Und zwar nicht mit Lkws, sondern mit Lastkähnen direkt von unserem Anleger am Rhein zum Anleger des Datteln-Hamm-Kanals am Kraftwerk Bergkamen.“

„Es ist ein merkwürdiges Gefühl und für mich als Techniker nur schwer zu ertragen: Wir haben hier erst 2013 eine komplett neue Leittechnik eingebaut. Das ganze Kraftwerk ist eine hochmoderne Anlage, das tut schon weh.“

Volker Veelmann, Leiter des STEAG-Kraftwerkes Bergkamen

Parallel wird sondiert, welche Bauteile der Anlage in Voerde an anderen Kraftwerks- Standorten noch verwendet werden können, denn in jedem Kraftwerk gibt es sogenannte Gleichteile. Das ist die Aufgabe von Claus-Wilhelm Heuser. „Maschinen-Transformatoren, Reserve-Batterien, elektronische Bauteile für Leittechnik- Systeme – alles wird hier ausgebaut, geprüft, dann in anderen STEAG-Kraftwerken eingebaut, als Ersatz vorgehalten oder aber zum Verkauf angeboten“, erläutert der STEAG-Ingenieur, der Interessenten, die sich Anlagen und verwertbare Teile anschauen, auf dem Gelände begleitet.

So wird der Arbeitsplatz von den zuletzt noch 297 Mitarbeitern Stück für Stück zerlegt. Noch einige Monate wird das Team um Volker Veelmann benötigen. Dann ist der Kraftwerks-Standort Voerde endgültig Geschichte.