„Die Bitcoin-Technologie ist schon veraltet“

Gilbert Fridgen, Professor für Wirtschaftsinformatik und Nachhaltiges IT-Management an der Uni Bayreuth, warnt vor dem Hype um die Internet-Währung Bitcoins und deren hohem Energieverbrauch.

Gilbert Fridgen (Jahrgang 1980) ist Professor für Wirtschaftsinformatik und Nachhaltiges IT-Management an der Universität Bayreuth und zugleich stellvertretender Leiter der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik. Darüber hinaus ist er stellvertretender wissenschaftlicher Leiter des Kernkompetenzzentrums Finanz- & Informationsmanagement.

Herr Professor Fridgen, wie viele Bitcoins nennen Sie selbst Ihr Eigen?

Es sind nicht viele, ich muss noch arbeiten. Ich habe erst Mitte 2016 gekauft – da habe ich mich schon geärgert: Zuvor hatte ich mich schon sehr lange mit dem Bitcoin beschäftigt, besaß aber selbst keinen einzigen. Ich bin kein ‚day trader‘. Durch meine tägliche Arbeit habe ich aber einen Informationsvorsprung, den setze ich für langfristige Investitionen ein. 

Als 2009 der erste Bitcoin getauscht wurde, geschah das von der Öffentlichkeit noch weitgehend unbemerkt. Vor drei Jahren wurde ein Bitcoin für etwa 400 Euro gehandelt, im Dezember 2017 lag er erstmals bei 12.000 Euro, aktuell ist er wieder abgesunken auf 9.000 Euro. Woher rührt der Hype um diese digitale Währung?

Die eigentliche Frage ist: Was ist der Mehrwert einer Kryptowährung? Meines Erachtens ist er nicht so hoch wie vielfach gedacht. Elektronischer Zahlungsverkehr funktioniert auch ohne Kryptowährungen. Ich kann heute online zu niedrigen Transaktionskosten mit hohen Transaktionsvolumen schnell Zahlungen abwickeln, dafür benötige ich keine Kryptowährung. Das viel Interessantere ist die grundlegende Technologie hinter dem Bitcoin, die Blockchain – übrigens auch für die Vernetzung in der Energiewirtschaft. Die Kryptowährung ist eigentlich nur der naheliegende Anwendungsfall. Die Perspektive liegt in Anwendungen in der Zukunft, beispielsweise in der ,machine economy‘, wo autonom agierende Maschinen untereinander Handel betreiben und dafür eine Lösung brauchen, der vertraut wird.

 

 

Joseph Stiglitz, US-amerikanischer Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, hat kürzlich den Vorwurf erhoben, der Bitcoin und auch andere digitale Währungen seien nur deshalb so erfolgreich, weil sie sich für illegale Zwecke, wie beispielsweise ,Geldwäsche‘, einsetzen ließen ...

Diese Sicht kann ich nachvollziehen, denn Kryptowährungen sind nur schwer zu überwachen. Aber deshalb die Technologie als Ganzes zu verdammen, ist ein Fehler. Eine Technologie sollte immer nach ihrem Potenzial bemessen werden. Plakative Analogie: Als das Internet aufgekommen ist, hieß es, das sei lediglich für illegale Machenschaften zu nutzen. Aber heute würde man es nicht mehr missen wollen. Aus der Perspektive eines Wirtschaftsinformatikers würde ich sagen: Die Blockchain ist eine weitere Interaktionsschicht, die auf dem Internet liegt, mit der ich vertrauensvoll bilateral Geschäfte abwickeln kann. 

Neben der Volatilität des Bitcoins fällt der immense Stromverbrauch für die komplexen Rechenoperationen auf, die nötig sind, um die Digitalwährung zu ,schürfen‘ – aktuell jährlich 48 Terawattstunden. Das entspricht knapp zehn Prozent des jährlichen Stromverbrauchs in Deutschland. Frisst der Bitcoin die Effekte der Energiewende?

So würde ich das nicht formulieren. Die Länder, in denen hauptsächlich Bitcoins ,geschürft‘ werden, sind ohnehin meist nicht auf Energieeffizienz ausgerichtet. Und hierzulande könnte zu Zeiten ,geschürft‘ werden, in denen ein Überangebot an Strom im Netz ist. Aber die Diskussion ist ohnehin überholt, weil die Technologie veraltet ist. Der Bitcoin ist die erste Blockchain-Anwendung, die in der Breite existiert. Aber es gibt bereits Kryptowährungen und Technologien, die viel weniger Strom benötigen. Und die werden sich durchsetzen. 

Kritiker bemängeln, dass das ,Schürfen‘ bereits im Jahr 2020 trotz steigender Energieeffizienz der Computer so viel Strom verschlingen wird, wie heute die gesamte Welt verbraucht …

Ich denke nicht, dass das passieren wird. Früher oder später wird sich der Fokus auf eine andere Technologie ausrichten. Iota zum Beispiel, die dann dritte Generation der Kryptowährungen, ist für das Internet der Dinge gemacht. Da sollen Geldtransaktionen auch auf kleinen Computern möglich sein.

 

 

„Der Bitcoin ist die erste Blockchain-Anwendung, die in der Breite existiert. Aber es gibt bereits Kryptowährungen und Technologien, die viel weniger Strom benötigen. Und die werden sich durchsetzen.“

 

 

Seit 2015 beschäftigt sich Fridgen mit der wirtschaftlichen Anwendung der Blockchain-Technologie. Hierzu hat er am Fraunhofer-Institut u. a. ein Blockchain-Labor mit aufgebaut, innerhalb dessen die Einsatzmöglichkeiten kryptografischer Verfahren in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft erprobt werden – für die Gegenwart wie auch für die Zukunft.

Professionelle ,Schürfer‘ betreiben ihre Serverfarmen inzwischen verstärkt in Ländern mit sehr niedrigen Stromkosten – die meisten stehen in China, vor allem in der Südprovinz Sichuan, wo Wasserkraftwerke die Elektrizität liefern, und in der Nähe der Kohlemeiler in der Inneren Mongolei. Ist daran ein Trend abzulesen, das Bitcoin-,Schürfen‘ umweltgerechter zu gestalten?

Ich fürchte, es ist banal: Es wird dort ,geschürft‘, wo es billig ist. Manchmal deckt sich das mit ökologischen Ansprüchen: In Island beispielsweise, wo Strom aus Geothermie gewonnen wird, wird ,geschürft‘ – aber eben auch, weil der Strom dort günstig ist. 

In Österreich hat ein Start-up-Unternehmen abgeschriebene Wasserkraft-Anlagen in den Alpen angemietet, um in Strom-Containern Bitcoin-Server zu betreiben. Gleichzeitig werden die Rechner, die viel Wärme entwickeln, mit Kühlwasser aus den benachbarten Flüssen versorgt. Haben solche Anbieter eine Zukunft, wenn die Effizienz der Rechner wie von Ihnen beschrieben steigt?

Aktuell lässt sich damit noch Geld verdienen, aber langfristig sehe ich das nicht als zukunftsträchtig an. Dafür schreitet die Entwicklung zu schnell voran. 

Japan hat Bitcoins 2017 als offizielle Währung anerkannt, und im schweizerischen Kanton Zug können städtische Gebühren nun auch mit der Internetwährung gezahlt werden – werden Kryptowährungen absehbar so etabliert sein wie Dollar und Euro?

Nein, ich denke nicht. Denn wir haben ein funktionierendes Währungssystem. Selbst wenn es entfernt scheint und die Menschen zuweilen den Eindruck haben, sie hätten keinen Einfluss auf dieses System, so ist es doch immer noch demokratisch legitimiert. Das schafft Vertrauen in Dollar und Euro. Kryptowährungen hingegen werden in der Breite der Gesellschaft immer Akzeptanzprobleme haben. 

Aktuell gibt es rund 700 digitale Währungen, von denen der Bitcoin mit Abstand am meisten gehandelt wird. Was wird nach dem Bitcoin kommen?

Die Kryptowährungen werden sich künftig stärker anwenderbezogen ausrichten und in eine Richtung weiterentwickeln, die zum demokratischen System passt. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann würde ich gern die Möglichkeit haben, in Krypto-Anwendungen, wie wir sie hier am Fraunhofer-Institut bauen, Euros zu verrechnen. Das würde ein riesiges Marktpotenzial eröffnen.

Und werden Sie auch in diese neuen Währungen investieren?

Ja, ganz bestimmt sogar. Denn das ist die Zukunft.