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  • Bergbau hinterlässt Aufgaben für die Ewigkeit

    STEAG Technischer Service hilft, dass die Keller im Ruhrgebiet nicht voll Wasser laufen

    Ende dieses Jahres schließt sich, wenn ein letztes Glückauf in den Zechen Prosper-Haniel in Bottrop und in Ibbenbüren am Rande des Teutoburger Waldes zu hören ist, ein Kapitel deutscher Industriegeschichte: das des Steinkohlenbergbaus. Die letzten beiden aktiven Zechen verschwinden, aber 150 Jahre Bergbautradition hinterlassen im Ruhrgebiet tiefe Spuren – manche Spuren bleiben für immer.

    Unter Tage, dort, wo in bis zu 1.500 Meter Tiefe die Kumpel das schwarze Gold abgebaut haben, sammelt sich zum Beispiel Grubenwasser: Regenwasser, das entlang der Gesteinsschichten versickert, sich mit Salzen und anderen Mineralien anreichert und unter Tage sammelt. Nach der Beendigung der Kohleförderung kann das Grubenwasser bis zu einem gewissen Niveau – mit ausreichend Abstand zu Trinkwasservorkommen – ansteigen. Alles, was darüber hinausgeht, wird nach über Tage gepumpt, damit es sich nicht mit Grundwasser vermischt. Der Trinkwasserschutz hat bei der Grubenwasserhaltung oberste Priorität. Die Ruhrkohle AG als Betreiberin der deutschen Steinkohlenzechen hat diese Aufgabe übernommen. Deren Mutter, die RAG-Stiftung, trägt die Kosten der Ewigkeitslasten des Bergbaus.

    Neben dem Grubenwasser hat der unterirdische Bergbau auch die Topografie des Ruhrgebiets verändert. Der Ballungsraum zwischen Ruhr und Emscher ist eigentlich nur noch geborgtes Land, sogenanntes Polderland. Die Poldermaßnahmen betreffen die Regulierung von Oberflächenwasser in diesem Gebiet. Um vollgelaufene Keller zu vermeiden, betreiben die Wasserverbände der Region und die RAG allein in Nordrhein-Westfalen 1.115 übertägige Pumpanlagen – 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche.

    Fast ein Fünftel des Ruhrgebiets liegt mittlerweile aufgrund von Bergsenkungen unter dem Grundwasserspiegel und wird nur durch dauerhaft laufende Pumpen quasi künstlich trocken gehalten. Die in Tiefen um 20 Meter installierten Pumpen bewegen durchschnittlich 110 Millionen Kubikmeter Grundwasser pro Jahr. Eine Wassermenge, mit der man den Essener Baldeneysee fast 15-mal füllen könnte.

    Alle Pumpen, die sich quer über das gesamte Revier verteilen, sollen zukünftig zentral gesteuert und überwacht werden. Das wird ab 2019 über eine Leitwarte in Herne geschehen. Sitz ist der Standort der ehemaligen Zeche „Pluto“, die in Wanne-Eickel bis 1976 Kohle förderte. „Was hier entsteht, ist so etwas wie das Gehirn zur Bewältigung der Ewigkeitslasten“, sagt Lukas Goretzki, Bauleiter der STEAG Technischer Service (STS). „Für dieses Gehirn planen und bauen wir die Energieversorgung.“

    Was das bedeutet, ordnet Christian Seine, verantwortlicher Projektleiter für die Energieversorgung der Leitwarte der RAG, ein: „Von Herne aus werden wir die Wasserhaltungen, Polderanlagen, Wasseraufbereitung, Grundwasserreinigung und alle Überwachungssysteme an Ruhr, Saar sowie in Ibbenbüren überwachen und steuern.“ Entsprechend wichtig ist also der Part, für den STEAG beauftragt wurde.

    Die Energieversorgung der neuen Leitwarte, in der ab Mitte nächsten Jahres alle Informationen zusammenlaufen, wird im sogenannten Schalthaus sichergestellt. In dem eher unscheinbaren 10 mal 24 Meter großen Gebäude werden künftig drei Transformatoren für die Leitwarte stehen. Dabei ist das gesamte System so konzipiert, dass es dreifach abgesichert ist. „Selbst, wenn die Absicherung des Regelbetriebes ausfallen sollte, gibt es eine dritte Steuerungsreihe, die einspringen würde“, erklärt Lukas Goretzki. „Das kann man gut vergleichen mit der Notstromversorgung in Krankenhäusern.“

    Für den 32-jährigen Industriemeister in Elektrotechnik bedeutet dieses Projekt tagtäglich eine große Herausforderung. „Wir haben zwar alles von Grund auf und im Detail geplant, aber das eine ist der Plan – und das andere ist die Baustelle“, sagt er. Aus diesem Grund investiert der Elektromeister aus Essen sehr viel Energie in die Kommunikation.

    „Die Herausforderung besteht darin, dass es ja auch noch eine alte Leitwarte gibt, die in Betrieb ist. Außerdem gibt es viele andere Gewerke, die eingebunden sind. Das muss alles koordiniert werden“, erläutert Lukas Goretzki. „Und da wir das neue Schalthaus schon Schritt für Schritt in Betrieb nehmen, müssen wir alles von Alt auf Neu umswitchen. Das ist wie eine Operation am offenen Herzen. Und das bedeutet vor allem: Prozesse sorgfältig planen, Arbeitsschritte frühzeitig kommunizieren und dann termingerecht umsetzen.“

    Besonders wichtig ist dabei der ständige Draht zu RAG-Projektleiter Christian Seine. „Wir stimmen uns täglich ab“, erläutert Lukas Goretzki, der noch mindestens bis Ende des Jahres mit „Pluto“ beschäftigt sein wird. „Dann ist die Operation hoffentlich erfolgreich beendet und unsere Energieversorgung für das Gehirn funktioniert.“

    Bilder: Marco Stepniak