„Ausländische Technologien sind hier willkommen“

In Lateinamerika arbeitet die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) mit einem eigenen Regionalprogramm an der Sensibilisierung politischer Akteure für die Themen Energiesicherheit und Klimawandel. Von diesen Erkenntnissen kann nach Ansicht von Programmleiter Dr. Christian Hübner auch Deutschland profitieren.

Dr. Christian Hübner (37) leitet seit Oktober 2014 das Regionalprogramm der Konrad-Adenauer- Stiftung „Energiesicherheit und Klimawandel in Lateinamerika“. Der gebürtige Mecklenburger arbeitet mit seinem internationalen Team von der peruanischen Hauptstadt Lima aus. Bereits zuvor war der studierte Volkswirt bei der KAS tätig, wo er in Berlin in der Abteilung Europäische und Internationale Zusammenarbeit als Koordinator für Umwelt-, Klima- und Energiepolitik agierte. Seine inhaltlichen Schwerpunkte liegen in der nationalen und internationalen Analyse der deutschen Energiewendepolitik, der Geopolitik Erneuerbarer Energien, Blockchain-Governance sowie der ökonomischen Analyse klimapolitischer Instrumente.

Herr Dr. Hübner, die Länder Lateinamerikas haben eine Fläche von 20 Millionen Quadratkilometern, das ist die doppelte Größe von Europa. Warum hat die KAS ihr Regionalprogramm Energie- sicherheit und Klimawandel gerade hier gestartet? Und wie werden Sie angesichts dieser Größe und der Vielzahl der Länder Ihrem Auftrag gerecht?
Deutschland verfolgt national und international eine ambitionierte Nachhaltigkeitspolitik, die Partner braucht. Lateinamerika mit seinen gewaltigen Naturressourcen und den in manchen Regionen bedrohlichen Auswirkungen des Klimawandels ist eine zentrale Partnerregion. Wir wollen einen spezifischen politischen Beitrag leisten. Mein Anspruch ist nicht, in jedem Land persönlich präsent zu sein. Wir identifizieren in enger Abstimmung mit unseren Länderbüros politische Themenschwerpunkte und wählen eine entsprechende Zielregion wie die Pazifik-Allianzstaaten, Zentralamerika oder die G20-Staaten temporär aus.

Wie setzen Sie Ihr Regionalprogramm praktisch um und wie lassen sich die Effekte daraus messen?
Über regionale Konferenzen, Fortbildungen in Form von Seminaren oder Webinaren, Delegationsreisen, Veröffentlichungen von Kurzdossiers und Studien und der Einrichtung von Social-Media-Diskussionsplattformen. Neue Themen wie zum Beispiel Blockchain-Governance greifen wir auch gerne über Design-Thinking-Workshops auf. Besonders wichtig sind und bleiben aber persönliche Gespräche mit den Entscheidungsträgern. Wir probieren viel aus, da kommt es auch mal vor, dass etwas nicht klappt. Das wollen wir dann natürlich schnellstmöglich wissen.

Gibt es Unterschiede in der Bereitschaft der einzelnen Länder, den Rat der KAS anzunehmen?
Das kommt ganz darauf an, mit wem wir in den einzelnen Ländern im Gespräch sind. Grundsätzlich erfahre ich eine große Offenheit und auch Neugierde gerade mit Blick auf aktuelle Entwicklungen in Deutschland und Europa. Darüber öffnen sich viele Türen. Aber klar, in Ländern, in denen die demokratische Entwicklung noch oder mal wieder kompliziert ist, kann es schwierig sein. Aber auch dort finden beziehungsweise haben wir immer gute Gesprächskanäle.

Wie hat sich der Energiesektor in den lateinamerikanischen Ländern im Vergleich zur Entwicklung, die Deutschland in den vergangenen Jahren durchlaufen hat, verändert?
Grundsätzlich nimmt der Ausbau der Erneuerbaren Energien wie Wind und Photovoltaik vor dem Hintergrund globaler Verpflichtungen wie des Klimaabkommens von Paris, aber auch zur Verbesserung der heimischen Energiesicherheit zu. Nachhaltige Stadtentwicklung wird dabei immer wichtiger. Im Bereich Biomasse und Wasserkraft gibt es bereits ein hohes Niveau, aber auch das wird weiterentwickelt. Die Auswirkungen des Klimawandels in Form von schmelzenden Gletschern und Dürren erfordern hier ein Umdenken. Die fossilen Energieträger bleiben allerdings in der Gesamtbetrachtung die dominante Quelle und könnten teilweise sogar an Bedeutung zunehmen.

„Ich finde den lateinamerikanischen Sinn für Pragmatismus und Optimismus immer wieder sehr erstaunlich und sehr angenehm.“

 

 

In welchen Punkten sind einzelne lateinamerikanischeLänder Deutschland mittlerweile voraus?
Im Unterschied zu Deutschland haben viele lateinamerikanische Staaten bei der Nutzung von Wind- und Sonnenenergien von Anfang an auf Auktionen gesetzt. Die entsprechenden Strompreise sind deshalb auch sehr gering und nähern sich denen für fossile Energieträger an. Deutschland hat leider erst vor Kurzem den Schritt in Richtung Auktionen unternommen.

STEAG ist bereits seit fast 20 Jahren als Investor und Betreiber eines Kraftwerks in Kolumbien aktiv und hat durchweg gute Erfahrungen gemacht. Wie bewerten Sie das Interesse an der Zusammenarbeit mit ausländischen Energieunternehmen?
Bei einer Vielzahl unserer Veranstaltungen zur lateinamerikanischen Energiepolitik binden wir Wirtschaftsvertreter ein. Vor diesem Hintergrund kann ich diese positive Sichtweise nur bestätigen. Ausländische Investitionen, Technologien und der generelle energiewirtschaftliche Austausch sind hier willkommen. Selbst in Ländern, in denen die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft nicht ganz so präsent sind, gibt es meist großes Interesse.

Lateinamerika ist reich an natürlichen Ressourcen – wie hoch ist der Stellenwert von Klimapolitik? Welche Unterschiede gibt es zwischen den einzelnen Ländern?
Die gibt es, und das Superwahljahr 2018 mit Wahlen unter anderem in Mexiko und Brasilien wird diese Entwicklung voraussichtlich verstärken. Mexiko und Brasilien könnten ihre klimapolitischen Ambitionen herunterfahren. Brasilien vollzieht diesen Schritt bereits. Es ist mittlerweile zu einem Ölexporteur geworden, mit dem Potenzial, Venezuela zu überholen. Und Mexiko will seine Energieversorgungssicherheit erhöhen und heimische Öl- und Gasvorkommen noch stärker nutzen. Zugleich bewegen sich andere Länder wie Chile, Costa Rica oder Uruguay immer weiter in Richtung Erneuerbare Energien, wodurch sie zu noch ambitionierten Klimaschutzstaaten werden.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte energie- und klimapolitische Herausforderung, vor der die Länder Lateinamerikas in der Zukunft stehen?
Für die Staaten, die über umfassende fossile Energieressourcen verfügen, werden die Entwicklung des globalen Ölpreises und die wirtschaftliche Erschließung von Schiefergas einschließlich dessen LNG-Verschiffung von Bedeutung sein. Hier schließen sich geopolitische Entwicklungen ausgelöst durch die US-Regierung und das zunehmend kritischer betrachtete Engagement Chinas in der Region an. Für Länder mit wenigen fossilen Energieressourcen wird der Aufbau von Technologien wie zum Beispiel Netzen, Speicherlösungen, Dezentralisierung, Finanz- und Rechtsrahmen zur Nutzung von heimischen Erneuerbaren Energien gerade in Städten entscheidend sein.

Die Institution KAS wie auch Sie selbst kommen aus der Energiewendenation Deutschland – spielt das 10.000 Kilometer Luftlinie entfernt eine Rolle?
Ja. Die Entscheidung für die Energiewende und deren Umsetzung einschließlich der damit verbundenen Schwierigkeiten – Stichwort Kohlekommission und Hambacher Forst – werden hier aufmerksam verfolgt. Deutschlands Bedeutung darf in dieser Hinsicht nicht unterschätzt werden.

Welche Erfahrungen können Sie vice versa nach Deutschland zurückgeben?
Ich finde den lateinamerikanischen Sinn für Pragmatismus und Optimismus immer wieder sehr erstaunlich und sehr angenehm. Viele Umstände hier verlangen quasi danach, aber gerade mit Blick auf die Digitalisierung könnte sich Deutschland durchaus etwas davon abschauen. Ich habe den Eindruck, dass die Netzabdeckung hier nicht nur gefühlt besser ist als in Deutschland.